Frank Dievernich tritt Amtszeit an

Hochschulpräsident fordert solide Finanzierung 

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Frank Dievernich ist neuer Präsident der Frankfurter University of Applied Sciences. Seine Amtszeit dauert sechs Jahre.

Frankfurt - Frank Dievernich übernimmt am 1. September die Frankfurter University of Applied Sciences. Er verrät, wie er über knappen Wohnraum in Frankfurt denkt, immer jüngere Studenten in den Hörsälen und ökonomische Hochschulsysteme. Von Dirk Beutel 

Sie übernehmen die Leitung der Frankfurt University of Applied Sciences ab dem 1. September. Welche Ziele haben Sie sich vorgenommen?

Integration ist ein wichtiges Thema. Wir sind für unterschiedliche Herkunfts- und Bildungsschichten eine Organisation, die einen Einstieg in lebenslanges Lernen ermöglicht. Das betrachten wir als gesellschaftlichen Auftrag. Wenn man uns in sechs Jahren als Hochschule für die Leitmärkte der Zukunft und für die Gesellschaft von morgen wahrnehmen würde, wäre das prima. Unsere Hochschule ist – schon heute – ein Innovationskatalysator. Wir setzen auf anwendungsorientierte Forschung, wir betrachten Probleme aus der Praxis mit wissenschaftlichen Methoden und tragen zur Identifizierung von Lösungen bei. Ich glaube, viele Unternehmen und Organisationen sind mittlerweile so eng getaktet, dass sie die Freiräume des Denkens, des Reflektierens nicht mehr haben. Diese Lücke wollen wir als Hochschule füllen.

Studentenmassen in den Hörsälen, zu wenig Dozenten, zu wenig Geld – über diese Probleme stöhnen viele deutsche Hochschulen. Wie sieht es in Frankfurt aus?

Wir haben gegenwärtig etwa 12.000 Studierende und die Zahlen würden steigen, wenn dem nicht der Numerus clausus und räumliche Beschränkungen entgegenstünden. Wir schauen, wie wir gesund wachsen können, um weiter ein gutes Betreuungsverhältnis anbieten zu können. Wir wollen den persönlichen Kontakt zu den Studierenden, aber es kommen immer mehr Interessenten. Wir verstehen uns als Institution die integriert, das erfordert mehr Aufwand, auch finanziell. Wir stehen in Verhandlungen mit der Politik. Wenn wir diese gewollte gesellschaftliche Integration leisten, für Unternehmen Denkarbeit und Innovationen produzieren, brauchen wir eine solide Finanzierung – auch als Garant für den sozialen Frieden in dieser Stadt.

In vielen europäischen Nachbarländern ähneln die Hochschulen Wirtschaftsunternehmen. Wie stehen Sie einem neoliberalem Hochschulsystem gegenüber?

Eine Perspektive, die wir in Deutschland übernehmen können und die es auch braucht, wäre ein wesentlich größerer Anteil von Drittmittel-Geldern, die wir aus der Hochschule heraus in Kooperation mit Unternehmen und anderen gesellschaftlichen Organisationen akquirieren. Sozusagen: Geld für Forschung, wodurch wieder Stellen geschaffen werden können. Ich würde mich freuen, wenn uns nach sechs Jahren die Unternehmen, Organisationen und Verwaltungen die Türen einrennen, weil sie erkannt haben, dass sie mit uns einen Partner an der Hand haben, dem sie Geld geben und der im Gegenzug gezielt etwas für sie leistet. Aber: Eine Hochschule ist kein Unternehmen. Ich sehe auch die kränkelnde Seite in den europäischen Nachbarländern, wo man anfängt, Hochschulen komplett über Kennzahlen zu führen. Dort müssen sie als Forscher jede Stunde angeben, was sie getan haben, da sie betriebswirtschaftlich abrechenbar sein müssen. Damit hat man kurzzeitig ein hocheffizientes System, dadurch wird aber der Kern einer Hochschule kaputt gemacht: Nämlich die Freiheit, quer zu denken, sich mal Gedanken zu machen, die sich nicht gleich betriebswirtschaftlich rechnen, aber für morgen vielleicht eine hervorragende Idee liefern.

Sehen Sie die Frankfurt University of Applied Sciences gegenüber der staatlichen Förderung von Forschung und Entwicklung in der Wirtschaft benachteiligt?

An dieser Stelle müssen wir noch viel Bewusstseinsarbeit leisten. Forschung wird häufig automatisch mit Universitäten gleich gesetzt. Wir machen keine Nobelpreisforschung, sind aber die Experten für anwendungsorientierte Fragestellungen. An der einen oder anderen Stelle sollte politisch über eine gewisse Umverteilung des Kuchens der staatlichen Fördergelder nachgedacht werden. Niemand will jemand anderem etwas Substanzielles wegnehmen, es geht vielmehr um den ausgewogenen Blick. Das ist ein politischer Prozess, der in den nächsten Jahren seitens der Hochschulen für angewandte Wissenschaften zu begleiten sein wird.

Zu modernen Lebenssituationen von Studierenden gehören Betreuungsplätze für Kinder. Wie ist da Ihre Hochschule aufgestellt?

In wenigen Wochen wird das forschungsorientierte Kinderhaus fertiggestellt sein, in dem Forschung und Betreuung gebündelt werden. Betreuung ist nicht nur ein Thema mit Blick auf Nachwuchs, sondern auch pflegebedürftige Angehörige. Wir müssen uns Gedanken machen, ob wir etwa Lehrangebote zu, vorsichtig formuliert, außergewöhnlichen Zeiten anbieten. Mit flexibleren Studiengängen und Raumkonzepten könnten wir diese Vielfalt, die die Lebensformen in der Gesellschaft mitbringen, abbilden und ihr Rechnung tragen.

Auch die angespannte Wohnraumsituation in Frankfurt ist ein Studentenproblem.

Es wird natürlich gebaut, aber ich will hier nichts beschönigen. Wie wir es auch drehen wollen, bezahlbarer studentischer Wohnraum in Frankfurt ist ein Problem. Frankfurt ist sehr attraktiv, das treibt aber die Preise in die Höhe. Ich weiß nicht, was langfristig passiert, wenn man als Vollzeit-Studierender viel Geld für die Miete aufbringen muss. Wenn das weitergeht, gehen vielleicht einige trotz aller Vorteile woanders studieren. Das könnte der Attraktivität des Studienstandorts schaden und belastet uns. Wir bleiben in diesem Punkt mit Stadt und Land intensiv im Gespräch

Ein Jahr weniger zum Abitur, Bundeswehr- und Zivildienst gibt es nicht mehr und eine entsprechend frühe Einschulung machen es heutzutage möglich, dass man schon mit 17 Jahren studieren kann. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Es ist ein Irrglaube, dass man so schnell wie möglich studieren muss. Denn spätestens im Vorstellungsgespräch kommt die Frage: ‘Was haben sie sonst so gemacht?’ Da sind soziale Kompetenzen und Zusatzqualifikationen gefragt. Ich bin sicher, dass gerade die Studierenden, die zwei, drei Semester länger studiert haben und mehr Lebenserfahrung mitbringen, auch mehr gefragt sind. Bieten wir doch lieber ein Studium, das Menschen mit Erfahrung und Kompetenz abschließen.

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