Fotoausstellung im Senckenbergmuseum

Fotograf Hans Keller spricht über das Älterwerden in Frankfurt

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Hatte sichtlich ihren Spaß: Die 75-jährige Edith mit Krönchen auf dem Römerberg. Die Frankfurterin hatte dort als Kind mit den Trümmerfrauen Steine geklopft.

Älterwerden ein Tabuthema? Nicht für den Bockenheimer Fotografen Hans Keller. Sein Foto-Projekt „Das ist doch noch kein Alter – Meine Zukunft in Frankfurt gestalten“ im Senckenberg Museum zeigt Senioren an ihren Lieblingsorten und vermittelt Lebensfreude pur. Von Dirk Beutel

Sie haben schon 2013 für ihr Projekt „Die Kunst zu altern“ 140 ältere Frauen fotografiert. Jetzt das Projekt „Das ist doch kein Alter“. Wie sehr hat ihre Arbeit ihre persönliche Sicht auf das Älterwerden beeinflusst?

Ziemlich stark natürlich. Ich bin ein klassischer Werbefotograf, damit verdiene ich mein Geld. Ich fotografiere People & Food und arbeite viel mit jungen Menschen zusammen. Da ist es eine Wahnsinnserfahrung gewesen mit den älteren Models zusammen zu arbeiten. Das ist komplett anders. Gerade diese Damen waren witzig, dynamisch und einfach gut drauf. Das, was man eigentlich von jungen Menschen erwartet, haben die Senioren gezeigt.

Es werden Senioren in Zusammenhängen gezeigt, die man nicht erwartet. Ein Beispiel?

Man erwartet nicht unbedingt von einem 85-Jährigen, dass er zum Schläger greift, um auf einmal Guerilla Golf zu spielen. Der hat so ein Stück Kunstrasen dabei, lässt das irgendwo fallen und fängt an zu Golfen. Wahnsinn! Da denkt man, der sitzt zu Hause im Sessel und mehr als Fernsehen passiert nicht mehr. Von wegen. Alle Senioren, mit denen ich gearbeitet habe, sind hoch motiviert und dynamisch. Das gilt auch für diejenigen, die körperlich nicht mehr so mobil sein können. Alle gehen lässig mit ihrem Alter um. Wir hatten etwa einen Rollstuhlfahrer, dessen größter Wunsch es war, mit einem Boot zu fahren. Also haben wir das Foto-Shooting kurzerhand auf einem Schiff der Primus-Linie gemacht. Dort kann man nämlich mit dem Aufzug aufs Oberdeck.

Worin besteht denn die Kunst zu altern?

Egal ob man jung oder alt ist, sollte man immer versuchen positiv zu denken und sich geistig fit und flexibel zu halten. Man darf nicht einschlafen, weder körperlich noch geistig.

Gibt es Ihrer Ansicht nach einen gravierenden Unterschied zwischen den Fotomodellen, mit denen Sie gearbeitet haben und den Senioren, die man tagtäglich in der Fußgängerzone, im Bus oder beim Bäcker trifft?

Den demografischen Wandel bekommen wir immer mehr zu spüren. Das ist so. Den kann man nicht wegdiskutieren. Einige Ältere haben den Mut nach draußen zu gehen, sich zu zeigen. Ich habe aber den Eindruck, dass das leider bislang die Minderheit ist. Die meisten Senioren ziehen sich zurück, weil sie das Gefühl haben, nicht mehr Teil der Gesellschaft zu sein, weil sie glauben, nicht mehr dazuzugehören. Da verändert sich langsam etwas. Und ich versuche das mit meinen Fotos zu dokumentieren und zeigen, dass es eine Menge Ältere gibt, die richtig gut drauf sind und dass man von ihnen auch eine Menge lernen kann. Aber da muss sich noch mehr in diese Richtung tun, damit uns allen klar wird, dass diese Menschen dazu gehören und ihren Spaß haben wollen.

Worauf haben Sie bei ihrer Fotoarbeit bei den Senioren geachtet, was war Ihnen besonders wichtig?

Ich bin einer der wenigen Fotografen, der sich an dieses Thema herantraut. Ich fotografiere die Menschen ja nicht nachdenklich oder traurig in beige oder schwarz-weiß, sondern knallig, bunt und in voller Lebensfreude. Ich arbeite mit den Senioren wie mit jungen Modells, da kenne ich kein Pardon. Über allem steht der Spaß. Der ist die Basis dafür, dass man die Wünsche, Träume, Sehnsüchte der Senioren so greifbar wie möglich machen kann. Ihnen den Freiraum zu lassen, damit sie sich selbst ausleben können. Nehmen Sie die Dame auf dem Römerberg, die dort mit den Trümmerfrauen früher Steine geklopft hat und dann wurde sie mit Krönchen auf dem Kopf wie ein Modell fotografiert.

Das Projekt heißt auch „Meine Zukunft in Frankfurt gestalten“ - Ist Frankfurt eine Stadt, die genug Angebote für ältere Menschen bereithält?

Mehr als man glaubt, das habe ich allerdings auch erst durch meine Foto-Projekte erfahren. Man erhält normalerweise selbst gar keinen Zugang zu diesen Orten und Angeboten, bis es einen mal selbst betrifft.

Sie sind selbst ein echter Frankfurter. Sehen Sie das Älterwerden in ihrer Stadt jetzt etwas gelassener?

Auf jeden Fall. Also ich habe durch meine Arbeit mit den Senioren definitiv die Angst vorm Älterwerden verloren.

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