Wald-Camper klagen an: Offenbacher, wo wart ihr?

Offenbach - "Nur zwei drei Leute aus Offenbach waren vor Ort", sagt Alexander Gerschner vom Umweltverein Robin Wood." Dabei gehört die Stadt Offenbach mit ihrer Lage in der Einflugschneise zu eine der am meisten vom Fluglärm betroffenen Zonen. Anstatt eines Offenbachers setzt sich ein Hamburger ein.

Seit Mai vergangenen Jahres, als der Bau eines Hüttendorfes begann und die Protestler in den Wald zogen, ist dort sein Zuhause. Im Sommer übernachteten bis zu 100 Leute im Wald, um gegen die Rodungen und den Bau der Startbahn zu demonstrieren. Anfangs lebte Gerschner auf einer Plattform in den Bäumen. Teilweise verharrte er dort fast den ganzen Tag. "Gerade morgens war ich immer darauf gefasst, dass mich die Polizei vom Baum holen könnte", sagt der 43-Jährige.Bevor das Hüttendorf vor zehn Tagen vollständig von der Polizei geräumt wurde, grenzte Fraport Mitte Januar das Protest-Camp ein.

"Mit Zäunen, Eingangskontrollen und Flutlichtern wurden wir von Fraport eingekesselt", berichtet Gerschner: "Wir haben uns wie in einem Gefangenenlager gefühlt." Jeder, der ins Camp wollte, wurde kontrolliert. "Einige Kelsterbacher hat das an die DDR-Grenze erinnert", sagt Gerschner.Auch die von Fraport aufgefahrenen Sicherheitsmaßnahmen und die Polizeipräsenz erinnern daran. Zäune mit Reißzähnen, Video-Überwachung, Absperrgitter und Wachposten sollen die Widerständler vom Wald fern halten. Zwei Streifenwagen mit acht Polizisten beobachten das Camp 24 Stunden.Angst vor der Polizei haben die Camp-Bewohner nicht. Sie fühlen sich sogar beschützt. "Am vergangenen Wochenende wurden handgroße Steine auf unsere Zelte geworfen", berichtet Julian Zeiß. "Wir wissen nicht, wer es war, sind aber froh, dass die Polizei in der Nähe ist." Der Student vermutet, dass die Steinwerfer aus der rechten Szene kommen. Ansonsten ist das Leben im Camp aber friedlich.Wer es dort aushält, ist hart gesotten. Kein Klo, kein Wasser, kein Strom. In einer Mülltonne brennen Äste, um zu toasten und Nudeln aufzuwärmen. "Sieht ein bisschen nach Ghetto aus", sagt Gerschner.Viele Ausbaugegner laufen barfuß durchs Camp. Ihre Füße sind schwarz, in ihren Haaren sind Laub-Fetzen und unter den Fingernägeln sammelt sich Erde.

Ein bisschen modrig riecht es in den Zelten. Die Schlafsäcke sind klamm und überall liegt Laub. "Am Anfang hat es mich Überwindung gekostet, so dreckig zu sein", erzählt Zeiß. Seit drei Wochen lebt er nun im Wald."Mir geht es um den Widerstand gegen den Flughafenausbau", sagt der 21-Jährige: "Aber vielmehr ist es auch ein Experiment, ob ich es aushalte, so zu leben." Mit dem nötigsten auszukommen, kein Druck oder Zwang: Das reizt den Studenten.

Hauptsächlich leben die Widerständler von Spenden. Nahrung suchen sie sich in Müll-Containern von Supermärkten. "Es ist unglaublich, wie viel in unserer Gesellschaft weggeworfen wird", sagt Zeiß. In der Gruppe wird alles geteilt, ob Schlafsack, Geschirr oder Schokolade.Oft kommen Leute vorbei und bringen warme Suppe, Decken oder Schlafsäcke. "Viele Kelsterbacher sind sehr traurig, dass der Wald, in dem sie seit ihrer Kindheit gespielt haben, zerstört wird", sagt Gerschner. Zahlreiche Tränen seien geflossen. "Die Menschen sind dankbar, dass wir ihrem Protest im Wald ein Gesicht geben", fügt er hinzu. Und deswegen wollen sie bleiben â?? solange es geht.

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