Flüchtlinge: Zum Warten verdammt!

Achmed und Fouzia Waheed vor der Weltkarte in ihrer Wohnung: Der IT-Experte und die Ärztin warten seit anderthalb Jahren auf Bescheid von den Behörden. Foto: agk

Von Axel Grysczyk.

In den Flüchtlingsheimen versauern zahlreiche Fachkräfte, die Deutschland dringend bräuchte. Doch die deutsche Bürokratie stoppt die Willigen: Alles muss geprüft und entschieden werden. Und das dauert Jahre. Ein Beispiel eines IT-Experten und einer Ärztin aus Pakistan.

Heusenstamm – Fouzia und Achmed Waheed sitzen fest. In Heusenstamm. Gestrandet in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Hochhaus. Das Urteil: Sie müssen warten. Und das schmerzt, besonders Achmed.

Der 41-Jährige hat immer gearbeitet. Daheim in Pakistan ist er in der IT-Branche tätig gewesen. „Ich fühle mich schlecht“, sagt er. Vor ein paar Monaten hätte er einen Aushilfsjob in Dreieich annehmen können. „Ich bin ein Mann, ich will arbeiten und mein eigenes Geld verdienen. Und natürlich will ich einen Beitrag zum Gemeinwohl in Deutschland beisteuern“, erklärt er. Den Job hat er sausen lassen. Denn dann würde er auf der Warteliste für einen Sprachkurs nach unten rutschen. Nach langer Abwägung hat das Ehepaar entschieden: Es gibt etwas, was noch wichtiger ist: Deutsch können. Auch dafür muss er warten. Er ist auf der Warteliste auf Platz 14. Aber nur fünf Plätze für alle Flüchtlinge im Kreis Offenbach gibt es, um ein Sprachzertifikat des Levels B2/C1 zu ergattern. Also muss er wieder warten. Nicht nur auf das Ende des Asylverfahrens, das seit anderthalb Jahren läuft, sondern auch auf einen Sprachkurs. „Warum dauert das so lange?“, fragt er sich. Er kennt niemanden seiner Glaubensrichtung, dessen Asylgesuch abgelehnt wurde.

Seine Frau Fouzia hat Glück. Sie hat einen der fünf Plätze in einem Sprachkurs ergattert. Sie büffelt, geht jeden Vormittag in den Sprachkurs. Eine Frau aus der Heusenstammer Kirchengemeinde lernt mit ihr zusätzlich zweimal Deutsch zu Hause. „Ich brauche so schnell wie möglich das Zertifikat, weil ich ansonsten mein Examen nicht überprüfen lassen kann“, sagt die 41-Jährige.

Sie ist Ärztin. Mit ganzem Herzen Allgemeinmedizinerin. Doch zunächst muss sie die Sprachbescheinigung und den positiven Asylbescheid vorlegen. Dann wird entschieden, ob alle ihre Qualifikationen vom Landesprüfungsamt anerkannt werden. Solange muss auch sie nur eins: Warten. „Warum darf ich nicht arbeiten, wenn in Deutschland Mediziner fehlen?“, fragt sie. Eine Antwort kann ihr niemand geben.

Und das, obwohl sie gar nicht in Pakistan studiert hat, sondern ihre komplette medizinische Ausbildung in der Ukraine absolvierte. Neben ihrer Heimatsprache spricht sie also noch russisch und arabisch. „Mein Vater hat in Abu Dhabi gearbeitet, dort bin ich aufgewachsen. Nach dem Schulabschluss wollte ich eine solide Ausbildung haben, bin zum Studieren in die Ukraine gegangen. Erst mit Mitte 20 kam ich nach Pakistan“, sagt sie.

Dort gehören sie und ihr Mann zu einer Minderheit. Die Ahmadiyya-Muslime werden seit 1974 vom Staat verfolgt. Die Regierung ruft sogar dazu auf. Ihr Fehler: Sie sind eine Abspaltung des Islams aus dem 19. Jahrhundert, und ihr oberstes Ziel ist der Verzicht auf Gewalt, den Dschihad. Sie wollen ihre Ziele friedlich erreichen. Fouzia Waheed: „Als angehende Ärztin habe ich im Krankenhaus in einem Zweibettzimmer mit einer Kollegin geschlafen. Sie hat mir den Schlüssel weggenommen und meine Koffer auf den Gang gestellt. Ich dürfe als Ahmadiyya nicht zusammen mit ihr in einem Zimmer sein. Wenn ich aus einer Tüte Chips gegessen habe, wurde die halbvolle Tüte weggeworfen. Der Rest sei ungenießbar.“ Die meisten Angehörigen ihrer Religionsgemeinschaft leben in Rabwah. Dort hatte die Religionsgruppe nach ihrer Gründung Land gekauft. „Wer sagt, er kommt aus Rabwah, hat in Pakistan keine Chance. Weil jeder weiß, dass man zu den Ahmadiyyas gehört“, sagt Achmed. Immer häufiger sind Ahmadiyyas verschwunden, immer wieder getötet worden. Als der Ehemann einer befreundeten Ärztin erschossen wird, beschließen die Waheeds zu gehen.

„Wir wollten nicht nach Deutschland“, sagt Fouzia und erklärt, „aber die Schlepper, die einem ein Visum besorgen, haben gesagt ,entweder Deutschland sofort oder lange warten.’“ Sie sind in ein Flugzeug gestiegen und geflogen. Fouzia: „Wir hatten alles: Tolle Jobs, ein Haus und unsere Eltern in der Nähe.“

Die Sozialarbeiterin in der Heusenstammer Flüchtlingsunterkunft, in der die Waheeds zunächst gelandet sind, sagt, dass die beiden nicht der Durchschnitt wären. Sie würden hart lernen, haben sich sofort um Kontakte gekümmert, sogar selbst eine eigene Wohnung organisiert, aber auch sie weiß: Sie müssen Jahre warten.

Fouzia könne gar nicht sagen, ob Deutschland gut ist. Sie ist vor allem in Sicherheit, dass sei toll. Sie will als Ärztin arbeiten. Ihr Vater hat ihr eingebläut: Höre nichts auf, was du einmal angefangen hast. Das wird sie auch in Deutschland machen. Auch wenn sie warten muss.

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