Ein Fall in Rhein-Main

Resistente Erreger bei Russen-TBC machen Ärzten zu schaffen

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Haben die Erreger die Lunge befallen, wird’s eng. Dann helfen nur noch einige wenige Reservemedikamente.
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Region Rhein-Main – Die Zahl der Tuberkulose-Fälle (TBC) in Deutschland geht seit Beginn der Flüchtlingskrise nach oben. Während die herkömmliche Erkrankung relativ gut zu behandeln ist, sind Ärzte gegen eine besonders schwere Variante oft machtlos: Die Russen-TBC. Von Christian Reinartz

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Mit dem Flüchtlingsstrom ist die Tuberkulose wieder häufiger Thema in der Region. Eigentlich ist die Krankheit gut behandelbar. Doch eine extrem resistente Form macht den Ärzten zu schaffen: Die Russen-TBC.
Mediziner nennen diese extrem schwere Form der Krankheit extensiv resistente Tuberkulose oder auch XDR-TB. Die Krankheit hat ihren Spitznamen deshalb, weil sie vor allem aus dem Osten, etwa den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, eingeschleppt wird. Fragt man bei Spezialisten nach, zeichnet sich allerdings ein unklares Bild der heimtückischen Krankheit.

Einzelfälle lassen sich isolieren

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Dr. Udo Götsch, Tuberkuloseexperte vom Frankfurter Gesundheitsamt sagt: „Mit Reservemedikamenten können wir immerhin einen Teil der Erkrankten heilen“, erklärt er. „Der Rest der Patienten bleibt weiter infektiös und muss lebenslang isoliert werden. Am Ende sterben sie an der XDR-Tuberkulose“, sagt Götsch. Er bemüht sich, die Sorge der Menschen zu zerstreuen: „Gelegenheitskontakte reichen nicht aus“, sagt der Frankfurter Arzt.“ Das Zeug zu einer flächendeckenden Infektion haben die Bakterien demnach nicht. Sämtliche Einzelfälle, bei denen die Tuberkulose aufflammt, lassen sich, laut Götsch, schnell isolieren. Und: „Die Ausbreitung der Krankheit lässt sich durch frühzeitige Behandlung verhindern.“ Vor einer zufälligen Ansteckung in der Öffentlichkeit müsse man deshalb keine Angst haben. Dennoch muss er einräumen, dass in seltenen Fällen ein heftiger Hustenstoß ins Gesicht zu einer Ansteckung führen kann.
Bestätigt wird das von Dr. Barbara Hauer. Sie ist Tuberkulose-Expertin beim Robert-Koch-Institut. „Es sind einzelne Fälle beschrieben, bei denenTuberkulose bei einmaligem intensiven Kontakt übertragen wurde.“ Auch sie schwächt ab: „Aber das kommt nur sehr selten vor. Um sich anzustecken ist in der Regel ein Kontakt über insgesamt mehrere Stunden zu einer Person erforderlich, die an infektiöser Lungentuberkulose erkrankt ist.“

XDR-TBC besitzt eine hohe Todesrate

Dr. Karl Puchner ist Mediziner bei der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe, kennt sich bestens aus mit dem Thema. Er stellt klar: „Wir haben viel zu wenig Zahlen, um überhaupt sicher sagen zu können, wie gut die XDR-Tuberkulose heilbar ist.“ Schon bei einer multiresistenten Tuberkulose gehe man von Heilungschance von nur 50 bis 60 Prozent aus. „Bei der XDR ist dieser Wert sicher noch einmal schlechter.“

Ein Mediziner, der nicht namentlich genannt werden will, findet noch klarere Worte: „Die XDR-TBC ist eine extrem schwerwiegende Krankheit mit einer hohen Todesrate, die wir unbedingt im Auge behalten müssen.“ Er glaubt auch zu wissen, warum Ärzte aus staatlichen Einrichtungen eher beschwichtigen, als zu warnen: „Angesichts der Flüchtlingskrise hat natürlich kein Arzt aus einer staatlichen Einrichtung Interesse daran, dass jetzt die Migranten stigmatisiert werden oder die Menschen Angst bekommen. Schließlich müssen sie sich ja auch vor ihrem Dienstherren verantworten.“ Aktuell ist ein Mann in Frankfurt an der Russen-TBC erkrankt und auf dem Weg der Besserung. Eine Frau hat den Kampf gegen die Krankheit gewonnen und ist ausgeheilt. Weitere Fälle gibt es aktuell nicht.

Es könnten noch mehr Fälle werden

Doch das könnte sich ändern. Dr. Barbara Hauer, Tuberkulose-Spezialistin beim Robert-Koch-Institut: „Wenn die Länder, in denen die multiresistente Tuberkulose häufig auftritt, die Situation nicht in den Griff bekommen, müssen wir damit rechnen, dass auch hier solche Fälle häufiger diagnostiziert werden.“

Dazu kommt, laut Udo Götsch: „Die Tuberkulose-Erreger können Jahrzehnte in den Menschen schlummern. Es wird also auch in den kommenden Jahren aller Wahrscheinlichkeit nach immer wieder zu Erkrankungen kommen – vor allem bei Flüchtlingen und Migranten aus Herkunftsländern mit hohen Tuberkuloseraten.“

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Christian Reinartz

Christian Reinartz

E-Mail:christian.reinartz@extratipp.com

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