Wenn nur noch Wisch und Klick den Alltag bestimmt

Das hilft gegen die Smartphone-Sucht

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Jetzt mal Handy aufs Herz: Ein Leben ohne die kleinen Taschencomputer? Für die meisten unvorstellbar. Doch wann wird der Griff zum Smartphone zur echten Sucht und wie kommt man davon los? Von Oliver Haas

Wischen und Klicken bestimmt für viele Menschen den Alltag – mehr als viele ahnen! Laut einer Studie der Uni Bonn schaltet jeder deutsche Smartphone-Besitzer seinen Bildschirm durchschnittlich 88 Mal pro Tag ein. Dabei wird 35 Mal gecheckt, ob eine Nachricht eingegangen ist. Mit über 50 ist die Zahl der Bewegungen noch höher, die das Handy mit einem Wisch entsperren, um aktiv Nachrichten zu schreiben oder durch die Netzwerke zu surfen. Fast schon alarmierend: Alle 14 bis 18 Minuten wird im Schnitt gemäß Studie der Alltag unterbrochen und aufs Handy geglotzt. Das macht krank und kann auf Dauer sogar Burnout verursachen!

Wissenschaftler entwickelten App Menthal

Herausgefunden haben dies Wissenschaftler um Informatiker Alexander Markowetz, die durch die Entwicklung der App Menthal das Verhalten von gut 60.000 Handynutzer genau unter die Lupe nahmen. Für Markowetz seien Smartphones wie „Spielautomaten in der Hosentasche“. Wer sie benutzt, der schüttet Dopamin aus, jenen Stoff, den auch Süchtige „richtiger“ Drogen erhalten, wenn sie konsumieren – inklusive Gewöhnungseffekt. Denn wer zu sehr ans Handy gewöhnt ist wird schneller nervös, wenn Funkstille aufgrund technischer Störung herrscht und das Gerät nutzlos ist.

Wolfgang Schmidt Rosengarten, Geschäftsführer der hessischen Landesstelle für Suchtfragen aus Frankfurt, sieht das Problem: „Betroffene selbst kommen eher selten zu uns, um von einer Handy-Sucht zu erzählen. Meistens sind es Eltern, die sich darüber beklagen, dass ihre Kinder zu häufig das Smartphone benutzen. Oder auch Eheleute, die sich über den Partner beschweren.“ Wichtig sei, dass klare Regeln geschaffen werden. Dass es zwischen Eltern und Kindern oder Paaren klare Abmachungen gibt, wann das Smartphone ausgeschaltet wird. Eltern müssen ihren Kindern klar machen: „Du bist mir wichtig und ich interessiere mich für dich. Da will ich nicht, dass das vom Smartphone gestört wird“, so Schmidt Rosengarten.

Handy-Dauerbereitschaft ist große psychische Belastung

Die Dauerbereitschaft sei eine enorme psychische Belastung, die sich auch gesundheitlich auswirken könne. Die permanente Erreichbarkeit führt zu Stress. Das menschliche Hirn ist entgegen vieler Behauptungen eben nicht dafür gedacht, ständig mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Wer jetzt ständig zwischen seinem Smartphone und seiner Aufgabe wechselt, hat nicht die Zeit, um in ein Thema einzutauchen und beginnt quasi immer wieder fast von vorne. Dr. Barbara Voß, Leiterin der Landesvertretung der Techniker Krankenkasse in Hessen, sieht vor allem bei Kindern und Jugendlichen Gefahren:

„In Zeiten, in denen WhatsApp und Facebook die meisten Menschen den ganzen Tag über auf dem Smartphone begleiten, ist es wichtig, vor allem Kinder und Jugendliche für den Umgang mit Medien und das Internet fit zu machen.“ Die sozialen Netzwerke seien zu festen Bestandteilen der Kommunikation geworden und unterstützten damit auch vielfach die sozialen Kontakte. Selbst Grundschüler seien meist schon mit einem Mobiltelefon ausgestattet. Sie nutzen die digitalen Medien meist viel zu unbedarft. „Gerade bei Kindern ist es deshalb wichtig, mit der richtigen Medienstrategie frühzeitig anzusetzen und von Anfang an den verantwortungsvollen Umgang mit Mobiltelefonen sowie Fernsehen, Computer und Internet zu fördern“, so Voß.

So klappt´s mit der Smartphone Diät

1. Wieder Armbanduhr tragen

Wer keine Armbanduhr trägt, schaut öfter auf sein Handy. Dabei bleibts dann meistens nicht bei der Zeitkontrolle, die neuesten Facebook- oder Whatsapp-Nachrichten werden ebenfalls ausgiebig kontrolliert.

2. Normalen Wecker benutzen 

Wenn das Smartphone als Wecker benutzt wird, greift man jeden Morgen dazu und oft abends, um die Weckzeit zu stellen. Dadurch bleiben wieder automatisch daran hängen.

3. Feste freie Handy-Zeiten 

Beim Essen in Restaurants oder auch zu Hause etwa beim Spielen mit den Kindern: Handy aus! Wer es sich beruflich leisten kann, der sollte sich gleich ein ganzen festen Smartphone-freien Tag gönnen.

4. Online-Profile löschen

Gerade die sozialen Netzwerke nehmen viel Zeit in Anspruch. Daher sollte sich jeder hinterfragen, ob man wirklich bei jedem dabei sein muss und einige Profile einfach löschen.

5. Klingelton und Vibration  aus Klingelton ausschalten und auch den Vibrationsalarm deaktivieren. So wird man weniger in Versuchung geführt, sich vom Handy ablenken zu lassen.

 

Mehr Infos und Tipps gegen permanente Handy-Nutzung und was daran gefährlich ist, können Interessierte nachlesen im Buch „Digitaler Burnout“ von Alexander Markowetz.

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