Ernüchternde Aussichten: Kurztrip hinter Gitter

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Polizeihauptkommissar Klaus Pauls zeigt die Dieburger Gewahrsamszellen. Eine Toilette ist sogar auch drin.

Region Rhein-Main – Wer hier einzieht, bekommt ein helles Einzelzimmer mit Fußbodenheizung und Lüftung. Einfach, aber zweckmäßig eingerichtet. Rundumbetreuung sowie Transport und Verpflegung inklusive. Klingt nicht schlecht – mit einem Hotel haben die Gewahrsamszellen der Polizeistellen in Dieburg und Dietzenbach aber wenig gemein. Der EXTRA TIPP wagt einen Blick in die Ausnüchterungszellen der Region. Von Mareike Palmy

Das Ambiente ist ernüchternd. Die Insassen sind dagegen alles andere als nüchtern. Gekachelt sind die drei Zellen vom Boden bis zur Decke wie eine Wurstküche mit dem Charme der sechziger Jahre. Nur der Duft ist neutraler. Weiße Fliesen mit Graustich und eine dicke verkratzte Stahltür bestimmen das Bild in den etwa acht Quadratmeter kleinen Ausnüchterungszellen des Dietzenbacher Polizeipräsidiums. In allen Zellen ist eine Klingel für den Notfall. Dazu besitzt jede Zelle eine kniehohe Aufmauerung. Als Unterlage für die Ausnüchterung dient eine abwaschbare Schaumstoffdecke. Bei Bedarf gibt’s zum Zudecken auch eine löchrige Wolldecke. Ein Milchglasfenster lässt Tageslicht herein und macht die Gitterstäbe davor sichtbar.

Ambiente ist nüchtern, die Insassen nicht

Komfort sieht anders aus. Deshalb zieht hier auch kaum einer freiwillig ein. Trotzdem sind die Dietzenbacher Zellen meist ausgebucht: „Die sind zwei- bis dreimal belegt die Woche“, berichtet Harry Keckeis, stellvertretender Dienststellenleiter.

Rund 160 Leute nahmen die Dietzenbacher Beamten im letzten Jahr in Gewahrsam. Besonders an warmen Tagen, Festlichkeiten und am Wochenende steigt die Zellenbelegung. Hauptsächlich Betrunkene, Drogenkonsumenten oder Randalierer landen in den Zellen. Genauso festgenommene Personen oder Menschen, deren Identität nicht feststeht. „In der Regel sind die Gäste hier Männer. Das sogenannte starke Geschlecht macht den Hauptteil der Insassen aus“, sagt Keckeis. Ziel jeden Aufenthalts ist der Schutz vor sich selbst.

Hauptkommissar Harry Keckeis vor der Stahltür der Dietzenbacher Zelle.

„Hilopes“, wie die hilflosen Personen genannt werden, bleiben meist sechs bis acht Stunden „hinter Gittern“. „Der Aufenthalt dient allein der Sicherheit. Die Insassen nüchtern so lange aus, bis sie die Orientierung wieder haben“, erklärt Harry Keckeis.

Klare rechtliche Vorlagen bestimmen den Besuch in der Ausnüchterungszelle. Die Insassen kriegen davon allerdings meist nicht viel mit.

„Viele schlafen einfach ihren Rausch aus, andere wiederum haben ihren Verstand ausgeschaltet, pöbeln rum, sind aggressiv und schlagen um sich“, weiß Dienststellen-Leiter Klaus Pauls von der Dieburger Polizei, die mit fünf Ausnüchterungszellen ausgestattet ist. Besonders nervige Kandidaten machen sich einen Spaß daraus die Beamten permanent mit Klingelspielen zu ärgern. Denn die Polizei ist gehalten, auf jeden „Gast“ aufzupassen. „Allein 2010 hatten wir hier 190 Leute in polizeilichem Gewahrsam. In diesem Jahr schon 26. Darunter auch Stammgäste“, weiß Klaus Pauls. In seiner Dieburger Dienstzeit hat er schon so Manches erlebt: „Die Leute werden kreativ, wenn sie eingesperrt sind“, so Pauls. Entwischt ist ihm aber noch keiner.

So teuer wie ein Frankfurter Luxushotel

Handschellen sind nicht notwendig bei den Insassen der Gewahrsamszellen.

Dagegen hinterlassen die meisten Insassen sogar ein Andenken. Kot, Urin und Erbrochenes zieren häufig die Wände. „Die Leute haben keine Kontrolle mehr über sich. Erst bei der Entlassung ist vielen ihr Verhalten peinlich“, weiß Pauls aus Erfahrung. Doch dann ist es schon zu spät, denn die Rechnung flattert garantiert bald ins Haus. Und die ist nicht gerade billig. Umsonst ist der Kurztrip hinter Gitter nämlich nicht. Im Gegenteil: Ein Aufenthalt kostet etwa genauso viel wie eine Nacht in einem Deluxe Zimmer in einem Frankfurter Luxushotel. Nur die Verpflegung ist nicht so üppig. Suppe und Brot steht auf der Tageskarte. „Mit etwa 150 Euro muss man rechnen“, sagt Hauptkommissar Pauls. Kacheln ohne Ende, schlechtes Essen und ein unbequemes Bett – da sollte man doch lieber ins Hotel ziehen.

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