„Mit den Leprakranken habe ich am meisten gelacht“

Entwicklungshelferin über Humor bei ihrer Arbeit

Dieburg - Stella Deetjen ist ein Licht aufgegangen. So sieht es der Dieburger Karnevalsverein, der die Entwicklungshelferin am Rosenmontag mit der Holzisch Latern ehren wird. Die gebürtige Bad Homburgerin erzählt von ihren Projekten in Nepal und den Stigmata der Leprakranken in Indien. Von Dirk Beutel 

Die Holzisch Latern wird für Personen oder Institutionen verliehen, die sich in besonderer Weise um die Fastnacht oder die Mundart und das Brauchtum verdient gemacht haben. Dass Sie das getan haben, wussten wir gar nicht.

Dabei kann ich nicht mal richtig hessisch. Aber mir wurde gesagt, dass diese Auszeichnung für Menschen ist, denen ein Licht aufgegangen sei und das scheint bei mir wohl passiert zu sein, indem ich anderen Menschen geholfen habe und weiterhin helfe.

Ausschlaggebend dafür war eine Begegnung mit einem Leprakranken, die ihr Leben verändert hat, weil er ihnen in einer Notsituation geholfen hat.

Das war vor über 20 Jahren. Ich hatte vorher nie Kontakt zu Leprakranken, oder Unberührbaren, wie sie in Indien genannt werden und eigentlich hätte ich ihm helfen müssen und nicht er mir. Damals gab es noch kein Internet oder Handy, dass man schnell mal etwas über Lepra hätte nachschauen können. Ich kam aus einem Wohlstandsleben und hatte eine solche Armut und Ausgrenzung noch nie zuvor hautnah erlebt.

Ist Lepra überhaupt noch ein globales gesundheitliches Thema?

Ziel der WHO war es ja, Lepra bis um die Jahrtausendwende auszurotten. Das ist nicht ganz gelungen, denn in Ländern wie Indien, Brasilien oder in Afrika, überall wo es warm ist, bestehen immer noch neue Infektionen. Und Indien hat weltweit die meisten davon. Das liegt aber eben auch daran, dass ein großes Stigma auf Lepra lastet. Die Betroffenen können nicht einfach ins Krankenhaus gehen und sich behandeln lassen. Die wenigsten erfahren überhaupt, dass es eine Therapie gibt, da sie vom ersten Moment an, sobald die Krankheit sichtbar ist, verstoßen werden und sich niemand für sie zuständig fühlt. Am Anfang dachte ich selbst von mir, dass ich Lepra ausrotten könnte, aber das werde ich wohl nicht mehr erleben. Dabei ist Lepramedizin nicht einmal teuer. Aber Lepra hat für viele in Indien auch eine wichtige Funktion, denn das Land hat wahnsinnig viele arme Menschen, die in Slums oder auf der Straße leben. Für diese Menschen ist es sehr wichtig, dass es jemanden gibt, dem es noch schlechter geht, als ihnen. Die breite Masse der Armen kommt dann mit ihrem eigenen Schicksal besser klar.

Wie wichtig ist Humor bei ihrer Entwicklungsarbeit?

Wahnsinnig wichtig, das trägt uns alle, anders geht´s nicht. Das Leben ist so hart, vor allem für die Menschen dort in Indien auf der Straße, dass wir das ohne Humor gar nicht meistern könnten. Gerade mit den Leprakranken habe ich lustigerweise mehr gelacht, als mit meinen westlichen Freunden, obwohl es uns hier richtig gut geht. Das bisschen Freude was da noch ist untereinander, das wird dort sehr wichtig genommen.

Sie investierten ihre ganze Kraft in die Hilfe für kranke Menschen. Macht Sie das Leid und Elend, das sie über die Jahre erlebt haben nicht manchmal wütend?

Das Leid nicht, denn dagegen habe ich ja Mittel und Wege gefunden, dass diese Hilfe zur Selbsthilfe, die wir anbieten funktioniert. Die Menschen müssen mitarbeiten, sich entwickeln, sich bewusst werden was möglich ist. Da bin ich nicht frustriert. Das einzige was mich an Indien wahnsinnig macht, ist die Gewalt und die Übergriffe gegen Frauen. Alles was man darüber liest sind nur Bruchteile, in Wahrheit ist es noch viel schlimmer. Das macht mich wütend, weil ich dagegen kein Mittel habe.

Sie engagieren sich in Nepal und helfen dort Infrastrukturen aufzubauen und leisten Entwicklungshilfe von der Pike auf.

Nepal hat fast dieselbe Kultur wie Indien, man glaubt an die gleichen Götter, das Land ist aber nochmal ein ganzes Stück ärmer. Es gibt in vielen Regionen keine Industrie, keine Elektrizität, das Land kommt keinen Schritt nach vorn, um sich selbst versorgen zu können. Das liegt zum Teil auch an den geografischen Gegebenheiten. Solarsysteme, Mikrokredite, Biogas, landwirtschaftliche Lösungen – all das sind neben Schulen, Geburtshäusern, gesundheitlicher Aufklärung und medizinischer Versorgung die Hauptthemen, die uns beschäftigen. Aber die jungen Projekte, in denen meine ganze Energie steckt, laufen alle hervorragend. Dabei ist das Gebiet Mugu, in dem wir arbeiten, vom Rest der Welt abgeschnitten, dort gibt es nichts. Keine Straße führt rein oder raus. Dort muss man sich alles erlaufen und in Handarbeit herstellen. Dort sterben Menschen immer noch an Durchfall. Als wir anfingen war die Lebenserwartung dort bei 36, jetzt liegt sie bei 44 Jahren.

Was ärgert Sie mehr, die Gleichgültigkeit der Gesunden, oder die Schicksalsergebenheit der Kranken?

Sich in sein Schicksal ergeben, das hat mich tatsächlich schon oft aufgeregt, weil es jeden Fortschritt verhindert. Besonders dort bei den Frauen. Ich habe dort auch schon gesessen und gefordert: Jetzt steht doch mal alle gemeinsam auf und haut auf den Tisch. Aber da ist Hopfen und Malz verloren. Die Frauen dort kann ich nicht anspornen für ihre Rechte einzutreten und sie einzufordern. Das trauen die sich einfach nicht. Bei den Leprakranken kann diese Schicksalsergebenheit sogar ein Mittel zum Überleben sein. Manche halten es einfach nicht mehr aus, wie Tiere behandelt zu werden und haben sich dann in einen anderen geistigen Zustand geflüchtet.

Sie pendeln zwischen Nepal und Deutschland. Wo liegen die größten Unterschiede in der Mentalität dieser beiden Länder?

Man kann eben die Probleme der Menschen am besten verstehen, wenn man dort lebt. Aber die Mentalität der Nepalesen vermisse ich. Diese friedvollen Leute, auch wenn es kitschig klingt, aber es ist genau so. Der Mensch dort fragt, wie es einem geht, will es wirklich wissen und hört zu. Hier komme ich mir manchmal schon komisch vor, wenn ich mir der Kassiererin im Supermarkt spreche. In Nepal ist man sich viel näher. Man weiß, wie es dem Nachbarn geht oder was er zu Abend gegessen hat oder ob es Streit gab.

Was vermissen Sie am meisten von zu Hause, wenn Sie wieder nach Nepal aufbrechen?

Eine Waschmaschine. Die Wäsche riecht dann immer so herrlich.

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