Eltern Geld zurückerstatten

Kita-Streik: Hanaus OB hat Sympathie für die Streikenden

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Region Rhein-Main - Derzeit tobt der Kita-Streik. Es geht um eine Aufwertung des Erzieher-Jobs durch mehr Gehalt. Eine Forderung, die bei Verantwortlichen in vielen Kommunen auf Verständnis stößt. Einer von ihnen ist Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky, der will auch den Eltern Geld zurückerstatten. Von Axel Grysczyk

Beim jüngsten Kita-Streik haben Sie angekündigt, dass die Rathaus-Mitarbeiter – wenn nicht anders möglich – ihre Kinder ruhig zur Arbeit mitbringen können. Wie ist jetzt die Situation im Hanauer Rathaus?

Unser Notdienst wird stark in Anspruch genommen. Nach zwei Wochen Streik melden immer mehr Familien ihren Bedarf für einen Notplatz an. Ja, städtische Mitarbeiter können während des Streiks ihre Kinder mit zur Arbeit bringen. Sollten die vorhandenen Notplätze nicht ausreichen, habe ich angewiesen, dass diese nicht durch städtische Kollegen belegt werden dürfen. Eine erste Auswertung ergab, dass es bei den Beschäftigten der Stadt und der Eigenbetriebe 252 Mitarbeiter gibt, deren Kinder zwischen 2008 und 2014 geboren sind und somit in Frage kommen, einen Kitaplatz in Anspruch zu nehmen. Bisher wurde in einem Fall ein Antrag zur Mitnahme des Kindes an den Arbeitsplatz gestellt und genehmigt.

Woher kommt Ihre Sympathie für die Streikenden?

Meine hohe Sympathie für bessere Bezahlung in sozialen Bereichen gilt nicht nur für die Erzieher, sie gilt auch für die Pflege- und Gesundheitsberufe, in den fast zu 90 Prozent Frauen beschäftigt sind. Wäre es eine Männerdomäne, müssten wir diesen Streit über die Bezahlung nicht führen. Am 20. März war Equal Pay Day: Mit diesem Tag wird auf die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern hingewiesen. Bis zum 20. März, mussten Frauen arbeiten, um den gleichen Verdienst in der Tasche zu haben wie Männer am 31. Dezember 2014. Was wir feststellen ist, dass sich in den letzten Jahren in dieser Frage nichts Bemerkenswertes bewegt hat. Im europäischen Vergleich haben wir uns sogar verschlechtert, vom siebtletzten auf den drittletzten Platz. In besonderer Weise sind es gerade wieder Frauen und Mütter, die von diesem Streik besonders betroffen werden. Sie haben das Problem, die Betreuung zu organisieren, sie müssen die Schwierigkeiten überwinden, die es mit sich bringt, wenn das Kind in eine andere als die gewohnte Kita muss, oder wenn sie gar eine andere Lösung suchen müssen. Und noch ein wichtiger Aspekt: Bildung fängt schon in den Kitas an. Erzieher leisten in diesen frühen Bildungsstätten einen ganz erheblichen Beitrag für Chancengerechtigkeit und Integration.

Sie haben angekündigt, den Eltern die Kita-Gebühren während der Streikphase zu erstatten. Kann sich eine Stadt wie Hanau so etwas leisten?

Die Frage ist doch eher, auf welchem Rücken der Streik ausgetragen wird. Eltern nehmen zum Teil Urlaub, organisieren auf eigene Kosten die Betreuung und haben all die bekannten Probleme zu meistern, um ihre Kinder während der Streiktage gut versorgt zu sehen. Somit war für uns klar, dass wir allen Eltern, denen es möglich ist, sich anders als über einen Notplatz zu organisieren, nach Abschluss der jetzt anstehenden Streikphase den Betrag für die nicht geleistete Betreuung als auch das Entgelt für nicht in Anspruch genommene Mittagsversorgung auf ihrem Gebührenkonto gutschreiben. Wer die Leistung nicht erbringt, kann auch von den betroffenen Eltern keine Gebühren verlangen. Frei nach dem Motto: Keine Leistung – kein Geld.

Laut der Hans-Böckler-Stiftung verdient ein Erzieher in Westdeutschland 2519 Euro brutto. Ist das zu wenig?

Die kommunalen Arbeitgeberverbände haben angesichts der aktuellen Tarifrunde das Gehaltsgefüge zusammengestellt. Die Monatsgehälter von Erziehern in kommunalen Kitas liegen zwischen rund 2590 Euro für Berufsanfänger und 3750 Euro, bei Kita-Leitungen sind es bis zu 4750 Euro. Es verdienen also nicht alle nur diese rund 2500 Euro. Hier geht es im Kern um eine Wertschätzung der sogenannten Frauenberufe insbesondere im Sozialbereich. Angesichts der Verantwortung und der Belastung zum Beispiel in der Altenpflege ist es geradezu ein Witz, dass beispielsweise Gabelstaplerfahrer mehr verdienen, als eine ausgebildete Pflegekraft.

Im Gespräch ist eine Gehaltserhöhung für die Erzieher von zehn Prozent. Was würde das finanziell für die Stadt Hanau bedeuten?

Wir haben derzeit 560 Beschäftigte, davon 402 im Tarif TVöD-SuE. Ausgehend von einer zehnprozentigen Gehaltserhöhung im Sozial- und Erziehungsdienst würde dies einen monatlichen Mehraufwand von zirka 118.000 Euro bedeuten, das heißt im Jahr rund 1.516.000 Euro. Würden die Forderungen der Gewerkschaft Ver.di in vollem Umfang umgesetzt, so kämen auf die Stadt im Jahr Mehrkosten in Höhe von rund 2.107.000 Euro zu.

Wie werden sich die Kita-Gebühren in den nächsten Jahren in Hanau entwickeln?

Die Betreuung der Drei- bis Sechsjährigen ist derzeit für den Halbtagsplatz kostenfrei. Eine Aussage über die Entwicklung in den nächsten Jahren kann seriös aktuell nicht gegeben werden. Unser Ziel ist es aber nicht, an der Gebührenschraube drehen zu müssen.

Träumen Sie mal: Wie sollte Kinderbetreuung in der Zukunft aussehen?

Kinder sind unbestritten die Zukunft unserer Gesellschaft. Die richtige gesellschaftliche Antwort kann nur heißen: Eine Investition in Kinder ist eine Investition in die Zukunft unsere Gesellschaft. Diese zahlt sich auch in nachfolgenden Generationen aus. Ich erinnere nur an den demografischen Wandel, oder die Finanzierung der Rente. Hier gilt das Umlageprinzip: Was an Beiträgen reinkommt, wird an die gut 20 Millionen Ruheständler umgehend weitergereicht. Wer soll es bezahlen, wenn wir nicht in ein Umfeld investieren, dass Anreize für Kinder bietet? Mein Traum wäre keine Kostenbelastung für die Eltern von der Geburt der Kinder bis zum Ende der Berufsausbildung oder des Studiums. Kinder dürfen in Deutschland kein Armutsrisiko darstellen

Axel Grysczyk

Axel Grysczyk

E-Mail:axel.grysczyk@extratipp.com

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