Eine Leiche hat immer noch viel zu erzählen

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Medizinstudenten des zweiten Semesters gehen gemeinsam den Bereich der hinteren Leibeswand durch.

Frankfurt - Was befindet sich hinter der Leber? Welche Gefäße führen zum Herz? Schon im ersten Semester lernen Medizinstudenten im Anatomiekurs an der Frankfurter Universitätsklinik den menschlichen Körper hautnah kennen. Nicht jedes Institut bildet so aus. Von Dirk Beutel

Gespannte Atmosphäre herrscht im Sektionssaal der Senckenbergischen Anatomie der Frankfurter Universitätsklinik, wo gerade Studenten im zweiten Semester das Innenleben des menschlichen Körpers kennenlernen. Nicht, weil gerade vor ihnen eine menschliche Leiche liegt, sondern weil ihnen bald die Semesterklausur in Anatomie bevorsteht. Dass da ein Mensch mit einer Geschichte liegt, wird ausgeblendet. Die Neugier über das Wissen, das ihnen das Innenleben dieser Körper bieten kann, überwiegt. Für Angst ist kein Platz. Ohnehin sind die Körper zuvor konserviert und rasiert worden. Zusätzlich wurden ihnen Haut und Fett abgtrennt. Emotionen haben im Sektionssaal sowieso nichts zu suchen.

Und was sehen Sie hier“, fragt Helmut Wicht seine Studenten. Sie alle tragen weiße Kittel und Gummihandschuhe. „Die Vorsteherdrüse“, kommt es postwendend aus gleich mehreren Ecken. Wicht: „Und das hier?“ - „Sind alles Venen.“ Vor allem die Gefäße hinter der Bauchwand und das sogenannte Mittelfell, der senkrechte Gewebsraum in der Brusthöhle, werden an diesem Morgen an Wichts Sektionstisch in den Fokus gestellt. „Wir arbeiten kühl und professionell, indem wir die Leichen radikal versachlichen“, sagt Wicht. In seinen 22 Jahren als Privatdozent seien in seinen Kursen nur zwei Studenten „mal umgekippt“. Die absolute Ausnahme. Wicht: „Die angeborene Distanz gegenüber einem Toten muss von Beginn an überwunden werden. Dann kann man auch konzentriert an die Arbeit gehen.“ Allerdings gehöre dazu ebenso der Respekt vor dem Leichnam, den die Studenten mit Skalpell und Pinzette bearbeiten und den geöffneten Brustkorb lesen wie eine Weltkarte.

80 Prozent der Körperspender sind konfessionslos

Die Körper wurden von Freiwilligen für Forschung und Lehre zur Verfügung gestellt. Die Körperspender haben dies zuvor in ihrem Testament festgelegt. „Das ist ein klar geregeltes Verfahren“, betont der geschäftsführende Direktor der Senckenbergischen Anatomie, Horst-Werner Korf. Rund 80 Prozent der Körperspender seien konfessionslos.

Allerdings wird nicht jeder Körper genommen: Zum einen muss der Tote zwischen 50 und 55 Jahren alt gewesen sein und muss aus dem Rhein-Main-Gebiet stammen. Kommt das Institut den im Testament formulierten Wunsch nach, übernimmt es die Bestattungspflicht. Einmal im Jahr zum Ende des Sommersemesters werden die verbrannten Leichen in einer zentrale Gedenkfeier auf dem Frankfurter Hauptfriedhof bestattet. Auch Lehrer und Studenten sind dabei. Wer von den Körperspendern auf eine Bestattung verzichtet, dessen Organe werden dauerhaft präpariert und dienen zu Anschauungszwecken.

Eine Leiche hat immer noch viel zu erzählen

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