Durch die Krankheit in einen neuen Lebensabschnitt

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Hilde Lommel hat gelernt, mit Multipler Sklerose zu leben.

Region Rhein-Main – Am 30. Mai ist weltweiter Multiple Sklerose-Tag. Wie die Krankheit entsteht, ist bis heute unerforscht. Multiple Sklerose (MS) ist nicht heilbar, muss aber nicht zu einer schweren Behinderung führen. Wie bei Hilde Lommel, die trotz MS den Alltag meistert und sich für andere einsetzt. Von Dirk Beutel

Irgendwie kam es. Heimlich. Schleichend. Hilde Lommel spürt ein Missgefühl in ihrem linken Bein. Immer wieder. Permanent. Dazu reihen sich leichte Gleichgewichtsstörungen. Trotzdem fühlt sich die gebürtige Offenbacherin in ihrer Bewegungsfreiheit nicht eingeschränkt, fährt noch lange Fahrrad. Das war Anfang der achtziger Jahre. Knapp zehn Jahre später die Diagnose: Multiple Sklerose.

Wer mehr über die MS-Selbsthilfegruppe erfahren möchte, erreicht Hilde Lommel unter Telefonbuch (069) 425945.

In Deutschland leiden rund 120.000 Menschen an MS, davon bis zu 8000 in Hessen. Trotz intensiver Forschungen ist die Ursache der Krankheit nicht bekannt. MS ist keine Erbkrankheit, allerdings spielt laut dem hessischen Landesverband der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft genetische Veranlagung eine Rolle. Zudem wird angenommen, dass Infekte in Kindheit und früher Jugend für die spätere Krankheitsentwicklung bedeutsam sind.

In ihrem persönlichen Fall hat Hilde Lommel einen starken Verdacht, wodurch die Krankheit den Zugang in ihren Körper fand: „Anfang der fünfziger Jahre sind in Offenbach die Amerikaner über die Wälder geflogen und haben Insektizide gegen Maikäfer gesprüht.“ Über einen Käferexperten fand sie heraus: Es war sehr wahrscheinlich das extrem gefährliche Lindan, das auch noch feucht gesprüht wurde. So konnte das Gift auch vom Menschen über die Atemwege aufgenommen werden. Danach war Hilde Lommel öfter krank, hatte hohes Fieber.

Erst die Diagnose, dann die Depression

Mit Anfang 40  wurden die Beschwerden schlimmer: „Es fühlte sich an, als ob meine Nerven fünf Zentimeter über der Haut liegen würden“, sagt Lommel: „Ich konnte nicht mehr sitzen, stehen oder liegen, höchstens auf dem Bauch. Mehr ging nicht.“ Endlich entschließt sie sich, einen Arzt aufzusuchen. Prompt wird Lommel im Nordwest-Krankenhaus untersucht und wird mit der Krankheit konfrontiert, die von nun an ihr ständiger Begleiter sein wird.

Von Multipler Sklerose hatte Hilde Lommel zwar gehört. Was aber genau dahintersteckt, war ihr nicht bewusst. Deshalb informierte sich die heute 70-Jährige, wollte alles über ihre Krankheit wissen. Möglicherweise war es ihre Neugier, die ihr letztlich aus der Depression half, die kurz nach der Diagnose über sie hereinbrach. Aber Hilde Lommel wollte noch mehr: „Ich musste Menschen kennenlernen, denen es ähnlich geht und sehen, wie die damit umgehen.“ Und solche fand sie in der MS-Selbsthilfegruppe Offenbach/Frankfurt-Ost „Die Sonnenstrahlen“, die sie mittlerweile seit über 15 Jahren leitet.

In ihrer Wohnung kommt die Mutter zweier Töchter mit einem Gehstock noch gut zurecht. Sie braucht zwar eine Putzhilfe und ihr Mann erledigt das Einkaufen und Botengänge. Wenn sie ihre Wohnung aber verlassen muss, ist sie auf ihren Rollstuhl angewiesen. Trotz allem hadert die Rentnerin nicht mit ihrem Schicksal. Durch Lehrgänge des Landesverbandes der Multiple Sklerose Gesellschaft lernte sie, Betroffene zu beraten, ihnen ein offenes Ohr zu schenken. „Ich habe meine Krankheit angenommen und sehe sie als Teil eines neuen Lebensabschnitts.“ Ein Lebensabschnitt, in dem sie durch die Selbsthilfegruppe vielen MS-Kranken besondere Momente, einen Sonnenuntergang oder eine Fahrt auf dem Main schenken konnte. Aber im Laufe der Jahre haben auch Hilde Lommels Kräfte nachgelassen. Deshalb sucht sie einen Nachfolger.

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