"Drinnen flippt dann einer aus"

Region Rhein-Main - Erst pöbeln, dann prügeln. Die Gewalt im Jugendfußball hat dramatische Formen angenommen, Schwerverletzte sind zu beklagen, die Polizei ermittelt.

Beteiligt sind Spieler, Trainer und Zuschauer.

Nun hat der Fußballverband in Zusammenarbeit mit Stadt und Kreis Offenbach gehandelt und ein "Bündnis gegen Gewalt" initiiert. Unter anderem werden alle Mannschaftskapitäne der B- und C-Jugend im Konfliktmanagement geschult. Außerdem gibt es freiwillige Angebote für Trainer, Betreuer und Schiedsrichter. Die Gesamtmaßnahme kostet etwa 25.000 Euro und wird durch ein Bundes-Förderprogramm sowie dem Kreis und den Städten finanziert. Der EXTRA TIPP sprach mit Kreisfußballwart Karl-Heinz Kohls über die aktuelle Situation.

Herr Kohls, macht die Arbeit als Kreisfußballwart noch Spaß, wenn man sich immer öfter mit Schlägereien als mit dem Fußball befassen muss?

Bei diesem Thema hält sich der Spaßfaktor durchaus in Grenzen.

In welcher Art und Weise hat die Gewalt im Jugendfußball zugenommen?

In den letzten Jahren durch gestiegene Fallzahlen und in einigen, wenigen Fällen durch die Brutalität!

Wie drückt sich die Gewaltbereitschaft aus?

Dass zum Beispiel in den relevanten Fällen mit bisher so nicht gekannter Brutalität vorgegangen wurde. Am Spiel beteiligte Personen wurden grundlos und gezielt verletzt.

Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für die Gewalt?

Das ist keine Frage in Richtung des Sportes - vielmehr richtet sich diese Frage an unsere Gesellschaft. Gründe gibt es eine ganze Menge. Wer keine Lebensperspektive sieht, der verliert offenkundig Angst vor Strafe. Im Ergebnis sind die uns bekannten Täter zum unvoreingenommen Miteinander - wie Einhaltung allgemeiner Regeln - nicht bereit.

Welche Rolle spielen die Zuschauer?

Von Zuschauern, gelegentlich auch Betreuern und Trainern, gehen häufig Provokationen ganz allgemeiner Art aus. Und drinnen flippt dann einer aus. In den vier relevanten Fällen war das Umfeld an der Seitenlinie mehr oder minder "aktiv" beteiligt.

Welche Maßnahmen werden nun ergriffen?

Spiele mit Konfliktpotential werden weiter unter Beobachtung gestellt - und die Schulungsmaßnahmen mit dem Ziel der Deeskalation straff durchgezogen.

Warum sind vor allem die Mannschaftskapitäne gefordert?

Mit wem sollten wir andernfalls beginnen? Alle Spieler von zirka 100 B- und C-Juniorenmannschaften im Kreis Offenbach zu schulen, übersteigt unsere Möglichkeiten. Ein zweiter Grund war auch, dass es diese Seminare inhaltlich bereits gab und somit rasch umzusetzen waren.

Wie lautet Ihr Appell an die Vereine?

Bitte nicht länger dem Symbol der "drei schweigenden Affen" folgen: Nichts sehen - nichts hören - nichts sagen wollen! Richtiger wäre hier ganz klar "Null Toleranz" für Gewalt!

Warum können Eltern ihre Kinder beruhigt zum Jugendfußball schicken?

Weil nach wie vor 99,9 Prozent der jährlich zirka 4.500 Jugendspiele auf Kreisebene ohne ernsthafte Vorkommnisse über die Bühne gehen. nkö

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