Deutsche Umwelthilfe erwartet Umdenken bei Kommunen

Note fünf für die Luft im Rhein-Main-Gebiet

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Die Deutsche Umwelthilfe hat erfolgreich gegen das Land Hessen wegen überschrittener Luftqualitätsgrenzwerte geklagt. Die Leiterin des Bereichs Luftreinhaltung, Dorothee Saar, schildert, warum im Rhein-Main-Gebiet die Luft schlecht ist, welche Folgen das haben kann und wie man die Qualität verbessert. Von Dirk Beutel

Die Deutsche Umwelthilfe hat schon gegen Darmstadt, Wiesbaden und jetzt Offenbach geklagt. Ist die Luft im Rhein-Main-Gebiet besonders schlecht?

Das ist sie tatsächlich. Es ist zwar eine ökonomisch starke und agile Region. Aber es gibt große Belastungen durch die hohe Bevölkerungs- und die damit verbundene Verkehrsdichte. Besonders betroffen sind die Großstädte.

Zu der Verkehrsdichte trägt auch der Frankfurter Flughafen bei. Wie groß ist dessen Einfluss auf die Luftqualität?

Eigentlich nur im Rahmen des Flughafens selbst. Gerade bei Stadt- und Landevorgängen kommen da hohe Mengen an ultrafeinen Partikeln aus den Triebwerken, dazu kommt der Abrieb der Reifen auf der Landebahn, den man ebenfalls nicht unterschätzen darf. Und man hat Belastungen, die aus den stationären Energiesystemen stammen, sogenannte Ground Power Units oder Bodenstromaggregate. Dazu kommen Gepäckwagen, Busse, allesamt ohne Partikelfilter. Aber die dortigen Belastungen haben kaum Einfluss auf die Gesamtsituation im Rhein-Main-Gebiet.

Was sind die Hauptursachen für schlechte Luftqualität?

Bei der Partikelbelastung sind es die ungefilterten Dieselmotoren, die in Pkw zum Glück immer weniger werden. Dafür sind sie noch häufig im Schienenverkehr im Einsatz, ebenso bei Baumaschinen und Binnenschiffen. Das sind aber auch gröbere Partikel, die zum Feinstaub zählen durch Reifen- und Asphaltabrieb, durch Verwehungen aus dem Umland, das zählt alles mit zum Ferinstaub. Das Gefährliche daran sind die ultrafeinen Partikel, die aus dem Dieselmotor stammen. Eine zusätzliche Quelle, die uns immer größere Sorgen bereitet sind Emissionen aus Holzfeuerungsanlagen, wie offene Kamine aber auch kleine Einzelraumanlagen, wie man sie aus dem Baumarkt kennt. Was die Stickoxide angeht, kann man klar sagen, dass die fast ausschließlich aus Dieselmotoren stammen. Und zwar unabhängig, ob es sich um ein altes oder neues Fahrzeug handelt.

Was bringen dann Umweltzonen?

Die Umweltzonen haben erwirkt, dass die Dieselflotten sauberer geworden sind. Damals gab es ja noch Fahrzeuge ohne geschlossenen Partikelfilter. Mit den Umweltpplaketten hat man den Austausch der alten Fahrzeuge ohne Partikelfilter hin zu Filtermodellen beschleunigt. Mehrere Studien haben belegt, dass die Rußbelastung abgenommen hat. Auch die Belastung von Stickstoffdioxiden ist zurück gegangen.

In Offenbach ist man um Elektromobilität bemüht. Ob bei der städtischen Fahrzeugflotte oder dem Öffentlichen Nahverkehr. Sind diese Mühen ein Tropfen auf den heißen Stein?

Wenn man eine Strecke hat, auf der gezielt emmissionsarme Fahrzeuge entlangfahren kann ich mir gut vorstellen, dass es kurzfristig eine wirkungsvolle Maßnahme ist. Wie sich das im gesamten Stadtbild entwickelt ist nicht abzusehen. Wenn von hundert Bussen nur zehn umgerüstet werden, ist der Effekt gering. Allerdings sind Elektrobusse sehr kostspielig, ein Flottenaustausch würde sich über Jahre hinziehen. Da sind saubere konventionelle Antriebe oder eine Nachrüstung schneller umzusetzen.

Welche Maßnahmen sind überhaupt erfolgversprechend, um die Luftqualität zu steigern?

Großes Problem ist der Durchgangsverkehr, sowohl von Pkw als auch Lkw. Den muss man loswerden. Auch kostenlose Parkplätze für Einkaufszentren sind kontraproduktiv. Also: Es müssen Maßnahmen sein, die den Individualverkehr nicht zusätzlich attraktiv machen, sondern genau das Gegenteil. Etwa mit einer Parkraumbewirtschaftung und einer Auflösung von Kurzzeitparkplätzen. Dagegen muss der Öffentliche Nahverkehr gestärkt werden, ältere Busse müssen durch emissionsarme Modelle ausgetauscht, Radwege ausgebaut werden, einzelne Straßen vielleicht nur für den Anliegerverkehr freigegeben werden.

Wird das Thema Luftqualität von den Kommunen noch zu sehr auf die leichte Schulter genommen?

Ich denke, es ist eine Mischung aus allem. Man hat sich offenbar daran gewöhnt, dass es schwierig ist die seit 2010 geltende Luftreinheitswerte einzuhalten. Seit dieser Zeit registrieren wir zahlreiche Überschreitungen und man nimmt das schulterzuckend hin. Ich will aber keinem Behördenmitarbeiter unterstellen, dass ihm das wurscht ist. Wenn man Maßnahmen festlegt, die den Verkehr beschränken, bekommt man in der Regel Gegenwind aus der Bevölkerung, der Industrie- und Handelskammer vom Wirtschaftsamt. Zu Unrecht. Durch diese Maßnahmen hat sich die Lebensqualität in den Städten erhöht. Nicht nur was die Luftbelastung angeht. Damit einher geht mehr Raum, mehr Sicherheit, weniger Lärm. Ich glaube, es ist weniger ein finanzielles Problem, sondern vielmehr eines der Prioritätensetzung.

Welche Auswirkungen kann eine schlechte Luftqualität auf den Menschen und die Natur haben?

Dieselruß ist krebserregend. Bein Feinstaub sind es die ultrafeinen Partikel. Je kleiner sie sind, umso tiefer dringen sie in die Lunge ein. Sie können sogar durch die Lungenwände ins Blutsystem und damit auch ins Gehirn gelangen. Wir wissen, dass man Herz-Kreislauferkrankungen, Atemwegserkrankungen bekommt, ebenso wie ein erhöhtes Herzinfarktrisiko. Allein in Deutschland gibt es jedes Jahr 70.000 vorzeitige Todesfälle, die auf die Luft mit belastenden Schadstoffen zurück zu führen sind.

Welche Schulnote geben Sie der Luftqualität im Rhein-Gebiet?

Nicht flächendeckend, aber punktuell würde ich der Luft dort eine vier bis fünf geben. An einzelnen Standorten auch eine sechs.

Dirk Beutel

Dirk Beutel

E-Mail:dirk.beutel@extratipp.com

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