Interview über ihr Leben zwischen den Extremen

Diva-Deluxe-Siegerin gesteht: „Ich bin am liebsten Mann“

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Konnte ihr Glück kaum fassen: Electra Pain wurde in der Nacht zum vergangenen Sonntag zur Diva-Deluxe gekrönt.

Frankfurt - Electra Pain ist die neue Diva-Deluxe 2016 und Siegerin des wichtigsten Drag-Queen-Contests in Deutschland. Legt sie ihr Kostüm ab, wird sie wieder zum normalen IT-Angestellten, dessen Chef nichts wissen darf. Von Christian Reinartz

Nach einem harten Wettkampf steht fest: Sie sind die Diva-Deluxe 2016. Ziehen Sie jetzt Ihre Frauenklamotten überhaupt noch aus?

Ja, natürlich! Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, jeden Tag Frauenklamotten zu tragen. Ich bin am liebsten Mann, und das bleibt auch so. In die Rolle der Diva schlüpfe ich nur für meine Bühnenshows und ausgewählte Parties, jedoch bin ich jedes Mal froh, wenn ich die Klamotten und besonders die High Heels wieder ausziehen kann.

Jeder kennt Sie jetzt in der Drag-Queen-Szene. Haben Sie schon Jobangebote oder weitere Auftritte?

Ein paar neue tolle Angebote habe ich schon bekommen, und das freut mich sehr. Ich arbeite seit drei Jahren hart an meiner Karriere, und nun fühlt es sich so an, als ob meine Kunst und meine Hingabe endlich gewürdigt und belohnt werden. Aber ich werde noch nicht zu viel verraten. Mit dem Sieg bei Diva-Deluxe habe ich außerdem einen Auftritt auf dem diesjährigen Christopher-Street-Day in Frankfurt gewonnen. Dort werde ich vor zig tausend Menschen auftreten. Ich kann es kaum erwarten, die Bühne zu rocken.

Was wäre Ihr Wunschtraum als Drag-Queen?

Da ich mich gerne einer breiten Masse präsentiere, würde ich gerne mal im Fernsehen auftreten. Ich denke, das wäre eine sehr spannende und neue Erfahrung. Außerdem würde ich gerne mal zusammen mit viel Prominenz über einen roten Teppich schweben. Aber selbst die kleineren Auftritte auf Hochzeiten haben ihren besonderen Charme. Wir werden sehen, wohin mich mein Weg in den nächsten Jahren führen wird. Aber es werden noch einige interessante und vielfältige Projekte auf mich zukommen. Das habe ich im Gefühl!

Wissen Ihre Familie und Ihre Freunde von Ihrem Erfolg? Wie haben sie reagiert?

Meine Familie wusste von Anfang an Bescheid, und sie ist immer ganz begeistert und interessiert, wenn ich Videos meiner aktuellsten Auftritten zeige. Mein Vater hat mir sogar schon technische Requisiten für die Bühne gebaut. Mich macht es sehr stolz, diese Akzeptanz zu erfahren, da es in unserer Gesellschaft leider noch lange nicht selbstverständlich ist. Meine Freunde sind die allerbesten und unterstützen mich, wo es nur geht. Ein paar tanzen sogar für mich und stehen mit mir auf der Bühne. Hervorheben möchte ich außerdem Vito Grasso, der für mein tolles Outfit verantwortlich ist. Ich denke, ohne diese Unterstützung aus meinem Umfeld wäre ich nicht so weit gekommen.

Wie ist das eigentlich, wenn man tagsüber als ganz normaler IT-ler in einer Firma arbeitet und abends zur Drag-Queen wird?

Ich sehe es als Ausgleich zum stressigen und auch teils monotonen Alltag. Mit Electra ist das Leben bunt, und es passieren immer viele aufregende Dinge. Es wird nie langweilig! Ein normaler Job ist mir aber trotzdem sehr wichtig im Leben. Dieser gibt mir eine Grundlage, da man als Drag Queen in der Regel nicht seinen Lebensunterhalt finanzieren kann. Die Arbeit hinter dieser Kunstform wird leider immer weniger gewürdigt und honoriert. Besonders in der Anfangsphase ist es sehr hart. Man sollte deshalb nur Drag Queen werden, wenn man mit vollem Herzen dabei ist und Spaß an der Sache hat. Das Finanzielle steht dabei eher im Hintergrund.

Passieren schon mal kleine Pannen oder verhalten Sie sich manchmal wie Electra Pain, obwohl Sie schon längst wieder im Büro sitzen?

Nein, ich kann das sehr gut trennen. Ich bin als Mann nicht feminin, was den Kontrast zu Electra noch deutlich verstärkt. Viele können gar nicht glauben, dass wir ein und die selbe Person sind. Ich werde erst feminin, sobald ich anfange mich zu schminken. Dann beginnt die Verwandlung. Pannen passieren höchstens bei meinen Bühnenshows. Mir ist beim Tanzen sogar schonmal die Perücke weggeflogen, aber ich habe einfach weitergemacht. Man darf sich Pannen natürlich nicht anmerken lassen. Mittlerweile habe ich allerdings gelernt, meine Perücken festzukleben.

Was würde Ihr Chef dazu sagen, wenn er wüsste, dass sein Mitarbeiter in seiner Freizeit als aufgestylte Frau durch die Clubs zieht?

Ein ehemaliger Chef wusste sogar davon und kam mal zu einem meiner Auftritte. Ihm habe ich es anvertraut, da ich ihn als sehr cool und locker kennengelernt habe. Ich behaupte von mir, eine gute Menschenkenntnis zu haben. Deshalb kann ich einschätzen, wer diese Kunstform versteht und wer nicht. Meinen aktuellen Chef schätze ich eher als konservativ ein. Meiner Meinung nach muss man aber auch nicht alles an die große Glocke hängen! Wir haben doch alle unsere kleinen Geheimnisse, und die seien einem auch gegönnt.

Sind Sie schonmal für eine Frau gehalten worden? Werden Sie häufig angebaggert, wenn Sie im Nachtleben unterwegs sind?

Es kommen die unterschiedlichsten Reaktionen, wenn ich auf die Straße gehe. Diese reichen von Begeisterung über Verwunderung bis hin zu Beschimpfungen, wobei letztere eher selten sind. Die meisten tuscheln und fragen sich, ob ich ein Mann oder eine Frau bin. Dann habe ich meistens ein riesiges Grinsen auf den Wangen und freue mich, dass die Verwandlung wieder so gut geklappt hat. Ich muss gestehen, dass ich sehr oft angebaggert werde. Dabei scheint es den Männern egal zu sein, welches Geschlecht ich habe. Die meisten trauen sich aber erst, wenn sie mir alleine begegnen. Vor ihren Kumpels spielen sie meist den harten Typen, der Drag-Queens abstoßend findet.

Sie benötigen mehrere Stunden, damit Sie zu Electra Pain werden. Da hat Mann das Schminken drauf. Welchen Tipp würden Sie Frauen geben, wenn sie abends ausgehen?

Das Make-up einer Drag Queen unterscheidet sich in Aufbau und Aufwand stark von dem einer Frau. Wir müssen etwa wegen unserem Bartschatten viel intensiver abdecken, und wir müssen uns zuerst die weiblichen Konturen ins Gesicht zaubern. Bei Drag Queens gilt im Gegensatz zu Frauen „Mehr ist mehr“. Frauen hingehen sollten versuchen, ihre natürliche Schönheit zu unterstreichen.

Bilder der Dragqueens Law-Ra Vicious und Kandee Rude

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