Dieser Mann bietet mitten in Frankfurt Urlaub von sich selbst

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Stress, Terminflut und hohe Ansprüche: Zum Ausgleich gehen immer mehr Frankfurter meditieren

Frankfurt – Der Urlaub von sich selbst führt direkt hinter den Hauptbahnhof. In den zweiten Stock eines Mietshauses in der Mannheimer Straße 115. Im Ankunftszimmer brennen zwei Kerzen, Kekse liegen auf dem Tisch, fernöstliche Klänge dudeln kaum wahrnehmbar im Hintergrund. Dort treffen sich jeden Mittwoch Mitglieder der Meditationsgruppe von Zen-Frankfurt-City. Der eine ist Rechtsanwalt, ein anderer Verkaufstrainer, wieder ein anderer Maler. Sie alle haben nur ein Ziel: Das Hamsterrad des Alltags für zwei Stunden anzuhalten. Und sie schaffen es. Von Axel Grysczyk

Zendo-Leiter Wolfgang Fox bittet in den anderen Raum der Zwei-Zimmer-Wohnung, den Zen-Do-Raum. Dort liegen acht schwarze Schaumstoffmatten auf dem hellbraunen Laminat. An dem einen Kopfende steht eine unterarmgroße Buddha-Figur, auf der gegenüberliegenden Seite ist neben zwei Klangschalen und vor der Heizung der Platz von Wolfgang Fox. Za-Zen ist das Sitzen in der Stille, das Verfolgen des Atems, das Vertreiben eines aufkommenden Gedankens. Der 59-Jährige erklärt: „Tief einatmen und den eigenen Atem verfolgen, wie er durch die Nase, durch den Rachen in den Brustkorb zieht und von dort in den unteren Bauch strömt. Dort – zwei Fingerbreit unter dem Bauchnabel und von dort nach innen – da bleiben wir mit den Gedanken. Andere aufkommende Gedanken lassen wir wie eine Wolke weiterziehen.“ Wie man sich im Zen-Do-Raum bewegt ist festgelegt, damit niemand überlegen muss. Hier muss man nichts mehr leisten, sich nicht überlegen, ob man sich richtig verhält, hier geht‘s nur um Stille – und sich selbst.

Einfach nur da sitzen

Die acht Teilnehmer der Gruppe knien sich auf die Matte, lassen ihr Gesäß auf ein Holzbänkchen fallen, umfassen ihre Hände auf Bauchnabelhöhe und schließen ihre Augen. Ein angezündetes Räucherstäbchen soll für die richtige Atmosphäre sorgen. Und dann sitzen sie. 20 Minuten lang. Vier mal am Abend, unterbrochen nur von einer jeweiligen fünfminütigen Pause und lassen die Gedanken zwei Fingerbreit unter dem Bauchnabel.

Rodrigo – der Verkaufstrainer – erzählt anschließend, dass er stets „Hummeln im Hintern bei der Arbeit“ gehabt hätte. Seit er seit sieben Monaten meditiert, ist er ruhiger. „Die Kollegen kommen jetzt zu mir ins Büro, wenn sie mal abschalten wollen“, erzählt er. Teilnehmer Klaus hat lange Zeit allein zu Hause meditiert. Aber neuerdings komme er in die Gruppe, das verstärke seine Energie. „Es gibt mir mehr Kraft“, sagt er.

Zwischendurch gibt es Geschichten aus Japan zu hören

Wenn nach einer Fünf-Minuten-Pause wieder ein 20-Minuten-Abschnitt beginnt, erzählt Fox manchmal eine weise Geschichte aus dem alten Japan. Dass man erst, wenn man nicht mehr nach dem Weg sucht, sich auf dem richtigen Weg befindet. Oder es wird rezitiert. Gabi Machnik, ebenfalls Zendo-Leiterin, erklärt: „Beim Rezitieren werden viele Vokale benutzt. Durch die Betonung ist der Körper sehr gut spürbar.“ Dann ist‘s vorbei mit der Stille und die Gruppe schmettert beispielsweise dreimal hintereinander nach der Taktvorgabe von Wolfgang Fox „Das Herz der vollkommenen Weisheit“, dessen erste drei Zeilen lauten: „Kan Ji Zai Bo Sa. Gyö Jin Hannya Ha Ra Mi Ta Ji. Sho Ken Go On Kai Ku. Do Is Sai Ku Yaku Sha Ri Shi Shikri Fu I Ku.“

Eins ist Fox wichtig. „Wir sind keine Religion“, sagt er. „Wir kommen zusammen, weil wir Ruhe suchen und die bekommt man bei uns.“ Er selbst hat 1996 an einem Meditations-Wochenende teilgenommen und kommt seitdem vom Za-Zen nicht mehr los. Es sei wie eine Sucht.

Nach der Sitzung sind die Teilnehmer ruhiger

Als sich am vergangenen Mittwoch die Gruppe auf den Heimweg macht, bestätigen alle Teilnehmer, dass sie nach einer Sitzung ruhiger sind und besser schlafen. Doch es halte nicht lange an. Daher kämen sie nächsten Mittwoch wieder. Dann ist er wieder fällig, der Urlaub von sich selbst.

Wer mit der Za-Zen-Meditation beginnen will, der kann mit der Gruppe von Freitag, 4., bis Sonntag, 6. Juni, für einen Einsteigerkurs in ein Kloster fahren. Alle Infos unter www.zen-frankfurt-city.de.

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