Wilfried Hüser äußert sich

Dieburger Brüste-Macher ohne Betriebsrat

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Beí der Dieburger Firma Polytech Health & Aesthetics werden Silikon-Implante hergestellt.

Dieburg - Dumping-Löhne, hoher Druck und kein Betriebsrat – der Dieburger Silikon-Implantate-Hersteller steht in der Kritik. Von Jens Dörr

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Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) sowie ehemalige und aktuelle Produktionsmitarbeiter erheben Vorwürfe gegen das Dieburger Familienunternehmen Polytech Health & Aesthetics. Sie sprechen von hohem Druck, schlechter Bezahlung und vor allem der Verhinderung betrieblicher Mitbestimmung. Gründer Wilfried Hüser, seit dem vergangenen Jahr wieder Geschäftsführer des einzigen deutschen Herstellers von Weichteilimplantaten aus Silikon, hat dazu jetzt Stellung bezogen. Mit 125 Mitarbeitern am Standort in der Altheimer Straße zählt Polytech, das seine Produktion 2008 nach Deutschland verlagerte, zu den größten Arbeitgebern in Dieburg. Rund 75 der Mitarbeiter sind in den verschiedenen Bereichen der Produktion tätig. Aus ihren Reihen hätten sich 2012 und 2013 die Beschwerden gegen die Unternehmensführung auffällig gehäuft, sagt Manuel Hänig, Gewerkschaftssekretär der IG BCE in Darmstadt.

Hoher Druck bei niedrigem Lohn

Mehrere Angestellte seien aktiv auf die Gewerkschaft zugekommen. „Bis das einmal passiert, ist in der Regel eine hohe Hemmschwelle zu überwinden“, so Hänig. In notariell beglaubigten Stellungnahmen berichten Mitarbeiter – die im vergangenen Jahr teils selbst kündigten, teils die Kündigung erhielten, teils noch im Unternehmen sind – von hohem Druck bei niedrigem Lohn, besonders aber von der Verhinderung eines Betriebsrats. „Uns wurde ausdrücklich gesagt, ein Betriebsrat sei seitens der Geschäftsführung nicht gewünscht, damit die Mitarbeiter weiter keine Mitbestimmungsrechte hätten“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. Einer, der genau das versucht habe, sei wenig später entlassen worden.

Wilfried Hüser

Inzwischen herrscht bei Polytech zu viel Angst, einen Vorstoß zu wagen. Ein Mitarbeiter sagt, wer sein Handwerk nicht binnen kurzer Zeit beherrsche, müsse wieder gehen. In der Produktion arbeiten durchweg Ungelernte, die laut Gehaltsabrechnungen mit 1500 Euro brutto – einem Stundenlohn von 8,88 Euro brutto einsteigen. Gerade angesichts der strikten Arbeits- und Verhaltensregeln in der Produktion sei dies „fürs Rhein-Main-Gebiet eine Katastrophe“, so Gewerkschafter Hänig.

Hüser lässt die Anschuldigungen so nicht stehen

Geschäftsführer Hüser ist angesichts der Vorwürfe überrascht, spricht von einem „guten Betriebsklima“ und mag die Anschuldigungen so nicht stehenlassen. „Wir sind bei der Herstellung von Implantaten aus Silikon strikt an Vorgaben gebunden, über die wir auch nicht diskutieren können“, erklärt er die produktionstechnisch schlicht notwendige Strenge bei Fehlern. „Anders gelangen wir nicht zur Qualität. Da müssen wir als Unternehmen einfach sagen, dass es so nicht geht.“ Womöglich empfinde das mancher als zu großen Druck.

Zwar gebe es bei Polytech tatsächlich keinen Betriebsrat und es solle auch keiner gegründet werden. „Wozu denn auch?“, fragt Hüser indes: „Jeder hat jederzeit die Möglichkeit, bei Anliegen direkt die Geschäftsführung anzusprechen.“ Der Lohn für die ungelernten Produktionsmitarbeiter erhöhe sich zudem nach einiger Zeit. Die am Anfang gezahlten 8,88 Euro pro Stunde lägen „deutlich über dem vom Gesetzgeber angestrebten Mindestlohn. Außerdem sind wir in Dieburg eher im Odenwald als im Rhein-Main-Gebiet.“ Allerdings räumte Hüser ein, dass es mit der alten, Anfang 2013 entlassenen Geschäftsführung Probleme gegeben habe. „Deren Mitarbeiterführung war nicht mehr zu ertragen.“ Seither habe sich die Situation entspannt. Polytech verkaufte vergangenes Jahr 80.000 Implantate und setzte 14,2 Millionen Euro um. Dieses Jahr wollen die Dieburger um elf Prozent wachsen. „Und wir wollen hier zusammen mit unseren Mitarbeitern alt werden“, betont Hüser.

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