Tiefe Gräben auf Informationsveranstaltung von Allessa zu neuem Kraftwerk

Dialog sieht anders aus

Frankfurt/Offenbach - „Verarschung“, „Schaufensterveranstaltung“, „Skandal“ - Ingrid Wagner, Vertreterin der „Bürgerinitiative Luftverkehr“ aus den Offenbacher Stadtteilen Rumpenheim und Bürgel, schäumte gestern vor Wut. Von Michael Eschenauer

Der Info-Abend der Chemiefirma Allessa in Fechenheim am Montag sei nicht wie angekündigt ein „nachbarschaftlicher Dialog“, sondern eine Missachtung der Bürgerinteressen gewesen. Dies zeige bereits die Tatsache, dass mit dem Bau des 19,9 Megawatt starken Braunkohlestaub-Kraftwerks längst begonnen worden sei, und das eben ohne die Bürger anzuhören und auf deren gute Argumente gegen die neue Quelle der Luftverschmutzung zu reagieren.

Gestern reagierte Allessa doch und versprach, den Fechenheimern entgegenzukommen. So setze man sich ab sofort für die Offenlegung der relevanten Genehmigungsunterlagen ein. Dies betreffe ausschließlich solche Informationen, die für den Anlagenbetreiber nicht wettbewerbsrelevant seien. Die Gutachten sollen auch dem zuständigen Ortsbeirat und der Bürgerinitiative „Zukunft Fechenheim“ zur Verfügung gestellt werden.

Man werde ferner eine Phase enger Kommunikation mit dem Ortsbeirat und der Bürgerinitiative einleiten. Zur Versachlichung der Diskussion unterstütze Allessa die vom Betreiber Getec geplanten Emissionsmessungen. Schließlich plädiert die Geschäftsleitung für die Einsetzung eines permanenten Gesprächskreises.

Für all das scheint es hohe Zeit, denn in der Kantine von Allessa fand am Montagabend über bald vier Stunden alles andere als ein echter „Dialog“ zum Kraftwerksbau statt. Kaum verwunderlich angesichts der Konfrontationsstimmung und der Empörung der rund 400 Anwesenden. Beidem hatten die Vertreter des Chemieunternehmens und des Regierungspräsidiums Darmstadt (RP) kaum mehr als formalistisch wirkende Rechtsbelehrungen entgegenzusetzen.

Richtig in Rage versetzte allerdings der Chef der Anlagenbaufirma Getec AG, Volker Schulz, die Versammlung, als er feststellte, er verstehe die Aufregung angesichts einer derartigen „Pille-Palle-Anlage“ nicht. Es werde keine erhöhte Schadstoffbelastung geben, behauptete er. Das war für Fechenheimer, Bürgeler und Rumpenheimer, die exakt diese Sorge umtreibt, dann doch zu viel. Zumal Schulz, angeblich aus Angst vor der Konkurrenz, keine Gutachten oder konkrete Zahlen vorlegen mochte. Es hagelte Buh-Rufe. Klar ist seit Montagabend immerhin, dass auch die Stadt Frankfurt unzufrieden mit der Informationspolitik sowohl des Chemieunternehmens Allessa als auch des Regierungspräsidenten in Darmstadt ist. Volker Neumann, Leiter des Energiereferats, berichtete, dass Regierungspräsident Johannes Baron (FDP) der Bankenmetropole die Einsicht in die Antrags- und Genehmigungsunterlage verwehrt habe. Gegen diesen Schritt werde man in jedem Fall klagen.

Ungereimtheiten sieht Neumann zudem bei den offiziellen Emissionsdaten. So würde laut RP-Unterlagen die Obergrenze für Schwefeldioxid von vier Mikrogramm pro Kubikmeter um exakt diesen Wert überschritten. Dasselbe müsse man bei Stickoxid erwarten. Zum Thema Quecksilber seien die Informationen unzureichend. Er gehe von einer Jahresbelastung von zwei Kilo aus. Offiziell sei von praktisch Null die Rede.

Doch auch Anlagenbauer Getec ist sauer. Und zwar auf die Frankfurter Umweltdezernentin Manuela Rottmann (Grüne), die mit Blick auf die Angabe der Schadstoffbelastung von „Tricksereien“ spricht. Man droht, sie zu verklagen. Ingrid Wagner und ihre Mitstreiter äußerten Besorgnis über zwei weitere Dinge. Erstens sei die Belastung durch die Anlieferung des Braunkohlestaubs per Lastwagen, beziehungsweise deren Lagerung nicht einschätzbar, und zweitens gebe es das Risiko einer Kohlestaub-Explosion. Immer wieder wurden auf der Versammlung Risikoanalysen und Sicherheitskonzepte gefordert. Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) geißelte schließlich die Verfeuerung von Braunkohle als „ökologische Untat“.

Befürchtungen äußerte allerdings auch die gegnerische Seite: Allessa-Geschäftsführerin Almuth Poetz zeigte sich besorgt, dass allzu massiver Widerstand in der Bevölkerung die Zukunft des Traditionsunternehmens gefährden könnte. Man kämpfe ums Überleben, assistierte Co-Chef Joachim Kögeler. Kohlestaub sei billig und langfristig sicher zu beziehen. Die Prozesswärme und die Energie des Kraftwerks bezeichnete er als notwendig, für den Produktionsbetrieb von Allessa. Kögler unterstrich ferner, dass man alle gesetzlichen Vorgaben erfüllen werde. Außerdem werde durch die Anlage ein altes Kraftwerk ersetzt, das sehr ineffektiv und damit ebenfalls umweltproblematisch sei.

Kommentare