Zwei Betroffene aus Frankfurt berichten

Diagnose HIV: So leben wir mit der tödlichen Krankheit

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Region Rhein-Main – Zwei Menschen, ein Schicksal: Diagnose HIV positiv. Zwei betroffene Frankfurter berichten von Diskriminierung, Angst und dem viel zu lockerem Umgang mit der Krankheit. Von Dirk Beutel

Angst ist ein ständiger Begleiter. Sie ist allgegenwärtig. Jeder Gang zum Arzt, jeder neue Bluttest kann das Leben auf den Kopf stellen, wenn man das gefährliche HI Virus in sich trägt. So wie Gerhard Winter und Johannes Ritter (Namen von der Redaktion geändert). Die beiden Frankfurter sind HIV positiv. Ein Schicksal, das die beiden homosexuellen Männer vereint. Beide haben sich mittlerweile mit ihrer Krankheit arrangiert, so gut es eben geht. HIV muss heute nicht mehr zu Aids führen. Ein sorgenfreies Leben sieht dennoch anders aus. Die Medikamente halten das Virus zwar in Schach, doch sie fordern ihren Tribut. Winter hat sich organisiert.

Jeder Bluttest kann das Leben auf den Kopf stellen

Ein Termin am Tag, mehr geht nicht. Dann lassen schon die Kräfte nach. „Sobald ich mich körperlich angestrengt habe, kommt es mir vor, als ob ein Saugrohr mir meine Energie wegsaugt.“ Ritter dagegen geht oft ans körperliche Limit. Muss er. Er ist blind. Wegen des HI Virus. „Richtige Langzeitstudien über die Wirksamkeit von HIV-Medikamenten gibt es nach wie vor nicht. Dafür ist die Krankheit zu jung. Und das macht auch uns noch zu Versuchsobjekten“, sagt er. Helferzellen sind ein Stichwort. 200 pro Mikroliter Blut gilt als entscheidende Grenze. Wer darunter liegt, dessen Leben ist in akuter Gefahr, dann droht Aids und das Immunsystem kann Krankheitserregern irgendwann nichts mehr entgegensetzen. Jeder neue Bluttest bedeutet hohen psychischen Druck. Medikamente können jederzeit ihre Wirkung verlieren, oder das Virus hat sich verändert und ist resistent geworden.

Freunde und Bekannte sind wegen HIV gestorben

Winter, heute 68 Jahre alt, erhielt die niederschmetternde Diagnose Anfang der 90er Jahre. Damals gab es noch so gut wie keine Medikamente. „Da war absehbar, dass man bald ins Gras beißt“, sagt er. Zumindest galt das für viele Freunde und Bekannte um ihn herum. „Man hat immer die Bilder im Kopf, von denen, die im Lauf der Zeit gestorben sind. Und es wurden mit der Zeit immer mehr“, sagt er. Die Rettung für den 68-Jährigen war die Einführung der sogenannten Dreier-Kombination Mitte der Neunziger. Der Anfang war wegen der Nebenwirkungen trotzdem schwierig. Übelkeit, Schwindel, Konzentrationsschwäche. Bei anderen kam es sogar zu Nierenkoliken oder Herzkreislauf-Problemen. „Zumindest hat es geholfen, um zu überleben“, sagt Winter.

Überlebt hat auch Johannes Ritter. Er hat lange seine Homosexualität verheimlicht, erst recht, als er HIV positiv getestet wird. Danach beginnt für den 47-Jährigen eine Achterbahnfahrt zwischen Unsicherheit und Angst. Sogar vor sich selbst schiebt er die Diagnose her. Fast zehn Jahre lang. „Ich habe mich nicht getraut, es jemandem zu sagen, weil ich nicht wusste, wie mein Umfeld darauf reagieren würde“, sagt Ritter. Heute will er weder seine sexuelle Neigung noch seine Krankheit verheimlichen.

Zu laxer Umgang in der Schwulen-Szene

Ressentiments kennen beide. Schwul und auch noch HIV positiv, damit ist so mancher überfordert. „Es ist eine Mischung aus Vorurteil und Angst“, sagt Winter. Einiges hat er selbst erlebt, einiges seine Freunde, die heute allerdings nicht mehr da sind: Den Zahnarzt, der ihn bittet, woanders hinzugehen. Die Reinigungskraft, die sich weigert, das Zimmer sauber zu machen, aus Sorge sich zu infizieren. Dabei sind es Winter und Ritter, die sich sorgen. Beide kritisieren den laxen Umgang mit HIV in der Homosexuellen-Szene. „Die Krankheit hat ihren Schrecken verloren. Gerade junge Leute haben keine Ahnung, weil sie glauben, die moderne Medizin sei so gut“, sagt Ritter: Doch das sei ein fataler Irrtum. Jede Therapie belaste die eigene Gesundheit, und zwar ein Leben lang. Winter: „Es kommt nicht selten vor, dass Homosexuelle mit dem Vollbild Aids zum Arzt kommen, weil sie sich nie haben testen lassen. Und die stecken dann wiederum andere an.“ Umso wichtiger sei bei jungen Menschen ein gesundes Selbstbewusstsein: „Meine Gesundheit übertrage ich nicht einer anderen Person und hoffe, dass die sich an die Spielregeln hält. Jeder ist selbst verantwortlich und muss dafür sorgen, geschützt zu sein“, sagt Winter aus Erfahrung. Ritter: „Der Griff zum Kondom muss zur Normalität werden.“

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