Schulämter schlagen Alarm

Deutschförderung am Limit: Tut das Land zu wenig?

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Viele Kinder und Jugendliche besuchen die Schule und haben nur mangelhafte Deutschkenntnisse. Offenbar gibt es aber zu wenig Sprachförderunterricht.

Region Rhein-Main – In manchen Städten benötigt jedes zweite Kind Sprachförderung, weil es die deutsche Sprache nicht oder nur unzureichend spricht. Eine Entwicklung, die sich laut Schulämtern durch den nicht abreißenden Migrantenstrom immer weiter verstärkt. Von Christian Reinartz

Mittlerweile gibt es sogar viele deutsche Kinder, die ihre eigene Sprache nur unzureichend sprechen. In Hessen sind es allein 400. Die benötigten Lehrer werden aber offenbar nicht eingestellt. Weil dafür im Doppelhaushalt des Landes kein Geld da ist.

Shükrü kommt aus Bulgarien und gehörte dort zur türkischen Minderheit. Mit seinen Eltern ist der kleine Junge ins Rhein-Main-Gebiet gezogen. Sie verdienen hier besser als zu Hause. Jetzt muss Shükrü in die Schule. Aber er spricht so gut wie kein Wort Deutsch. In der Schule besucht er eine Intensivklasse. Dort soll ihm und seinen Klassenkameraden Deutsch beigebracht werden.

Wie Shükrü geht es zahlreichen Kindern, die im Rhein-Main-Gebiet eingeschult werden. Manche können gebrochen Deutsch, andere sind in Deutschland aufgewachsen, ohne auch nur ansatzweise die deutsche Sprache zu erlernen.

Auch deutsche Kinder beherrschen ihre Sprache nicht

Warum es so viele Kinder gibt, die hier leben, aber nicht ausreichend Deutsch sprechen, weißIsmail Tipi, CDU-Politiker und Mitglied des Landestags: „Das große Problem ist, dass Eltern mit Migrationshintergrund oft selbst die deutsche Sprache nicht sprechen. Und zu Hause wird sich nur in der jeweiligen Muttersprache unterhalten.“ Zudem würden viele Migranten ihre Kinder wenn überhaupt erst sehr spät in den Kindergarten schicken. Allerdings gebe es, so Tipi, auch viele Kinder, die deutscher Herkunft seien, ihre eigenen Sprache aber nicht ausreichend beherrschten. Zahlen aus dem Kultusministerium bestätigen: Allein 400 sind es aktuell in Hessen.

1000 Lehrstellen zugunsten des Förderunterrichts

Eine Situation, der die Schulämter zuweilen hilflos gegenüberstehen. Denn die Zahl der vom Kultusministerium zugeteilten Stellen für Lehrer in der Sprachförderung ist zwar relativ hoch und wird von den Zuständigen als Erfolg gewertet. Aus dem Landtag heißt es: „Die Landesregierung hat im zurückliegenden Schuljahr mehr als 1000 Lehrerstellen zugunsten des Deutsch-Förderunterrichtes für Schüler mit Migrationshintergrund zur Verfügung gestellt und die entsprechenden Angebote seit 1999 mehr als verdreifacht.“ Aber angesichts der Masse an Kindern mit unzureichenden Sprachkenntnissen sind diese Stellen offenbar nicht ausreichend. Im Schulamt in Darmstadt beklagt man sich bereits über den Trend. Dort heißt es: „Wir haben auf der einen Seite immer mehr Schüler, die gefördert werden müssten, und auf der anderen Seite werden die Stellen gekürzt oder nicht ausreichend aufgestockt.“ Im Kultusministerium will man davon nichts wissen. Stattdessen verweist man auf die Sonderzuteilungen über den Sozialindex, die in diesem Jahr zum ersten Mal erfolgt ist. Frankfurt erhält 104,2 zusätzliche Lehrkräfte, das Schulamt für Stadt und Kreis Offenbach 67, das Schulamt in Darmstadt dagegen nur 2,1 Stellen.

Immer mehr Schüler, dennoch werden Stellen gekürzt

Warum also dieser Widerspruch? In den Schulämtern sieht man die Ursache im Wahlversprechen der FDP. Damals hatten die hessischen Liberalen eine Unterrichtsabdeckung von 105 Prozent angekündigt. FDP-Kultusministerin Nicola Beer wolle nun mit aller Macht bis zur Wahl im September das Versprechen verwirklichen, heißt es etwa im Schulamt Darmstadt . „Und da die Kräfte für die Erfüllung des Wahlversprechens gebraucht werden, wird unter anderem bei der Sprachförderung eingespart. In manchen Bereichen wurde sogar um 50 Prozent gekürzt. Aber darüber reden will am liebsten niemand.“

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