Sozialpädagogin gibt Tipps

Derbe Schimpfwörter: Was tun, wenn Kinder fluchen?

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Die Kindergartenzeit ist vorbei, und der Nachwuchs schmeißt mit Begriffen um sich, die Eltern die Schamesröte ins Gesicht treiben. Sie fühlen sich machtlos. Eine Expertin erklärt, was die Kinder antreibt. Von Oliver Haas.

Birgit Bertelsmann, Diplom-Sozialpädagogin vom Familienzentrum Monikahaus in Frankfurt, schildert, warum Kita-Kinder und Schulbeginner besonders gerne derbe Schimpfwörter benutzen: „Kinder sind neugierig. Ihre hohe Entwicklungsfähigkeit ist davon abhängig. Ihr Bedürfnis nach Neuem ist fast grenzenlos. Gleichzeitig wollen sie aber auch dazugehören. Im Kindergartenalter vor allem zur Familie, aber auch schon zur Gruppe im Kindergarten, in der sie versuchen, zurecht zu kommen“. In diesem Alter würden Kinder außerdem ausgiebig testen, wie sie selbst wirken. Die wichtige Ich-Entwicklung würde große Sprünge machen. Ihr Selbstwertgefühl und ihr Selbstbewusstsein hänge davon ab, inwiefern ihr Handeln eine Wirkung erzielen könne. „Schimpfworte haben den Vorteil, dass sie alle drei Bedürfnisse ansprechen. Sie sind neu und damit interessant, sie können gebraucht werden, um sich zugehörig zu fühlen und sie erzielen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Wirkung beim Gegenüber. Je derber, desto wirksamer“, sagt Bertelsmann.

Eigene Familienschimpfwörter

Doch wie sollten Eltern reagieren, wenn Kinder sich immer häufiger unflätig ausdrücken? Bertelsmann: „Was tolerierbar ist, ist sehr individuell in den Familien verankert. Deren eigene Werte und Normen sollten ihre Richtschnur bilden. Da es für die Kinder bedeutend ist, sich zur Familie zugehörig zu fühlen, sprechen die Eltern am Besten genau das Bedürfnis an: ,Das Wort gefällt uns nicht, wir benutzen dieses Wort nicht.’ Da auch die Lust angesprochen werden darf, können dann gemeinsam kreative eigene Familienschimpfworte erfunden werden: Etwa Blumentopf oder Radieschendreck.“

Bertelsmann empfiehlt, den meisten Schimpfworten nur wenig Bedeutung zu geben und mit knappen Reaktionen einfach zu ignorieren. Von radikalen Strafen rät die Expertin ab. „Gelegentlich habe ich beobachtet, dass Erwachsene es lustig finden, wenn kleine Kinder derbe Worte benutzen, da es so niedlich sei. Das irritiert die Kinder in hohem Maße und bietet ihnen weder eine Grenze, noch eine Orientierung.“

Schuld ist Doktorspielalter

Besonders irritiert sind Eltern, wenn Kinder sogenannte sexualisierte Schimpfwörter schamlos ausposaunen. Doch laut Bertelsmann sei auch dies kein Grund zur Besorgnis : „Kindergartenkinder befinden sich im Doktorspielalter“. Sie entdecken ihre eigene Geschlechtszugehörigkeit und interessieren sich auch für den Körper der anderen Kinder. Alle Begriffe, die mit Körperlichkeit zu tun haben, sind deshalb interessant. Der Grund, dass Kinder solche Schimpfwörter benutzen, sei der gleiche, wie bei den anderen Worten auch. Mit dem Unterschied, dass damit eine meist deutlichere Reaktion erzielt werden kann. Sie empfiehlt ein klares Verbot, diese zu benutzen, aber dem Kind müsse eine Alternative geboten werden. Denn: „Kinder können nur schwer etwas nicht tun, akzeptieren aber schnell, wenn sie wissen, was sie sagen dürfen“, erläutert Bertelsmann.

Wenn die Kinder ins Schulalter kommen, wissen sie in der Regel, wie die Bedeutung der Schimpfwörter ist, die sie benutzen, erklärt Bertelsmann. Wichtig sei es deshalb, mit den Kindern über die die Bedeutung und Wirkung der Worte zu reden.

Fünf Tipps für Eltern, wenn Kinder plötzlich Schimpfwörter benutzen

1. Als Vorbild selbst keine Schimpfwörter nutzen, wenn Kinder im Raum sind.

2. Gemeinsam mit Kindern lustige Alternativen einfallen lassen, wie etwa Radieschendreck.

3. Immer gelassen bleiben. Schimpfwörter ignorieren, dann verlieren Kinder oft schnell den Reiz daran.

4. Wenn es überhand nimmt: Grenzen aufzeigen. „Das wollen wir zu Hause nicht hören!“

5. Bei Schulkindern über die Wirkung dieser Worte reden, die sie auf andere haben.

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