Über die Zukunft unserer Privatsphäre

„Vor den Datensammlern hat jeder etwas zu befürchten“

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Markus Morgenroth hat ein Buch über das Ausmaß der Überwachung und den Missbrauch von Daten geschrieben. Der Informatiker möchte aufrütteln und gibt einen Einblick, wie tief sich die Gesellschaft bereits im Netz der Datensammler verstrickt hat.

Markus Morgenroth hat ein Buch über das Ausmaß der Überwachung und den Missbrauch von Daten geschrieben. Der Informatiker möchte aufrütteln und gibt einen Einblick, wie tief sich die Gesellschaft bereits im Netz der Datensammler verstrickt hat. Von Dirk Beutel

Jeder weiß, dass seine Daten irgendwie von irgendwem abgegriffen werden. Aber niemand empört sich.

Das treten die Unternehmen nicht in der Öffentlichkeit breit. Das Abzapfen der Daten passiert im Stillen. Ich bekomme als Verbraucher nicht mit, dass da ständig jemand über meine Schulter schaut, meine Daten auswertet und irgendwelche Schlüsse daraus zieht. Auch die Gefahren, die sich daraus ergeben können, sind den meisten unbekannt.

Für die heutige Generation ist es normal, sein Leben öffentlich zu machen. Ein Fest für Datensammler und die, die damit Geschäfte machen. Macht Ihnen diese Entwicklung keine Angst?

Wenn der Glaube an Algorithmen zunimmt und nur noch Daten entscheiden, in welche Schublade man eingeordnet wird, dann ist das ein Angriff auf die Freiheit. Zumal das Gefühl vorherrscht, als einzelner nichts an dieser Entwicklung ändern zu können. Es gibt nicht diesen einen Grund, der uns alle empören lässt. Das Auswerten der Daten passiert im Hintergrund, normalerweise bekommt man davon nichts mit. Bis irgendwann etwas schief läuft. Jeder ist davon betroffen, aber die allermeisten denken, dass sie nichts zu verbergen haben. Diejenigen, die so denken, müssen aufgerüttelt werden, denn jeder hat etwas zu befürchten, weil sich keiner den Datensammlern entziehen kann.

In ihrem Buch erwähnen Sie den Background-Check. Was wollen Unternehmen von Bewerbern oder festen Mitarbeitern wissen?

Etwa ob sie einen guten Mitarbeiter vor sich haben und ob er das auch in Zukunft sein wird. Es gibt in Amerika Firmen, die sich auf diese Art der Datenanalyse spezialisiert haben. Ihr Material holen sie unter anderem aus Profilen in sozialen Netzwerken, öffentlich verfügbaren Datenbanken. Und gerade dort, wo sich viele Bewerber auf eine Stelle melden und schnell weniger geeignete Bewerber aussortiert werden müssen, sind solche Analysen gefragt. Als Kranker oder jemand der ein gesundheitliches Risiko in sich birgt hat man da kaum da noch eine Chance. Man ist den Algorithmen ausgesetzt.

Wie ist die Situation in Deutschland?

In Deutschland sind solche Analysen nicht erlaubt, aber auch hier sagen die Personaler hinter vorgehaltener Hand, dass sie Bewerber googeln. Und viele Datenschützer sind der Meinung, dass ein Trend abzusehen ist, dass Unternehmen vermehrt Lobbyarbeit betreiben, um Gesetze in deren Interesse aufzuweichen oder entsprechende Lücken auszuweiten. Wir erleben gerade einen Epochenwandel. Privatsphäre, wie es sie früher einmal gab, gibt es heute nicht mehr. Unsere Kinder wachsen heute mit einem völlig anderem Verständnis von diesem Begriff auf. Wir alle werden Schritt für Schritt daran gewöhnt, immer mehr private Daten preis zu geben.

Aber nicht nur Bewerberdaten werden analysiert, auch feste Mitarbeiter. Wie ist möglich, aus seinen Daten eine Prognose zu erstellen, ob dieser Mitarbeiter in zehn, 15 Jahren noch gut für das Unternehmen ist?

Man nimmt Daten aus der Vergangenheit, wie Verhaltensweisen, bestimmte Worte im E-Mailverkehr, mit wem telefoniere ich wann und wie oft. Und daraus versucht man ein Modell für die Zukunft zu entwickeln. Mathematiker, Psychologen, Linguisten suchen dann nach Mustern, was einen guten Mitarbeiter ausmacht und was eben nicht. Aber das birgt Gefahren, denn Menschen sind immer noch Individuen. Daher kommt es bei solchen Auswertungen immer auch zu Fehlern. Und immer wenn durch solche Fehler Menschen betroffen sind, dann ist das natürlich fatal.

Sie zitieren in ihrem Buch Pam Dixon vom World Privacy Forum mit „Ein fauler Apfel verdirbt den ganzen Korb“. Wie ist das im Zusammenhang mit persönlichen Daten gemeint?

Jeder hat irgendetwas, dass man negative deuten kann. Wenn sie ständig einem Psychologen schreiben, könnte man denken, dass sie psychologische Probleme haben. Oder sie telefonieren öfter mit einer Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker, dann könnte der logische Schluss daraus sein, dass sie alkoholkrank sind. Dabei sprechen sie vielleicht nur mit einem alten Schulfreund, der Psychologe ist oder die Gruppe der Anonymen Alkoholiker leitet. Bei so einer Fehldeutung hat man dann Pech gehabt.

Sie behaupten, dass man kein Internet braucht, um überwacht zu werden. Wie funktioniert das?

Es fängt mit dem Smartphone an. Viele Geschäfte und Einkaufszentren registrieren anhand der ausgesendeten Funkwellen, wie ich mich innerhalb der Gebäude bewege. Daran kann man ablesen: Wie oft kommt der Kunde oder wo hält er sich am längsten auf. Problematisch wird es, wenn man Daten miteinander verknüpft. Denn in dem Moment, wenn ich eine EC- oder Kreditkarte verwende, hat man einen Namen zu den anonymen Handydaten. Rechtlich ist das schwierig, technisch kein Problem. Aber auch beim Einwohnermeldeamt, beim Arzt und vielen anderen Stellen hinterlassen sie Daten, die weiterverkauft werden, auch wenn sie anonymisiert sind. Man kann sich dem so gut wie nicht entziehen.

Mittlerweile werden deutsche Bürger dazu hingeführt, ihre Gesundheitsdaten elektronisch preiszugeben, etwa mit der elektronischen Gesundheitskarte.

Die elektronische Gesundheitskarte ist gar nicht so sehr das Problem. Viel schlimmer sind bestimmte Datenhändler, die mit unseren Gesundheitsdaten Millionen verdienen. Einige Ärzte verkaufen Daten über ihre Patienten, die nach Meinung vieler Datenschützer nur unzureichend anonymisiert sind, Apotheken und Krankenhäuser geben Daten weiter und in Zukunft kommen all die Daten von Fitnessarmbändern und Gesundheits-Apps dazu. Dieser Datenhandel wird in Zukunft ansteigen.

Wie sehr wird die Überwachung zunehmen?

In Zukunft wird es immer weniger Privatsphäre und Anonymität geben. Die Gesichtserkennung wird schon in wenigen Jahren so gut funktionieren, dass wir wohl alle bald mit einem Namensschild auf der Stirn durch die Straßen laufen werden.

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