Tipps für Kinder und Eltern

Polizei: Nicht jedes Beschimpfen ist gleich Cybermobbing

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Laut einer Studie ist jedes sechste Kind in Deutschland von Cybermobbing betroffen.

Region Rhein-Main – Fiese Gerüchte, peinliche Fotos und Videos – all dies wird öffentlich verbreitet. Mobbing bekommt über das Internet eine neue Dimension. Von Silke Gottaut

Laut der bislang größten Cybermobbing-Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing – ein Netzwerk aus Eltern, Betroffenen, Juristen und Pädagogen – ist jeder sechste Schüler in Deutschland schon einmal Opfer von Mobbing im Internet geworden. Das sind rund 17 Prozent. In der besonders betroffenen Gruppe der 14- bis 16-Jährigen seien es 20 Prozent gewesen und damit jeder Fünfte.

Cybermobbing-Studie ist umstritten

Friederike Siller

Uwe Walzel von der Polizeilichen Jugendarbeit und Jugendkoordination Darmstadt erklärt, warum die Studie umstritten ist: Es wird nicht definiert, was Mobbing eigentlich ist. „Einmalige Beleidigungen sind kein Cybermobbing. Auch jugendtypische Verhaltensweisen, zum Beispiel schlechtes Benehmen, sind zwar unschön, aber kein Mobbing.“ Der selben Meinung schließt sich Stefan Hanschmann von der Polizei Frankfurt an. Die Wiesbadener Medienpädagogin Angelika Beranek hat die Studie genauer untersucht. Sie kam zu dem Ergebnis: Nimmt man den Mobbing Begriff ernst, kommt die Studie zu einem weit weniger dramatischen Ergebnis. Ein Fünftel der Betroffenen fühlen sich dauerhaft durch Onlinemobbing beeinträchtigt. So käme man auf nur etwa 3,5 Prozent Betroffene.

Tipps für betroffene Kinder und Eltern

Medienpädagogin Friederike Siller von der Universität Mainz gibt Tipps für betroffene Kinder und Eltern.

Tipp eins für Kinder: Auf die Online-Belästigungen nicht reagieren. Am besten: Handy ausschalten. Internetseite schließen. Auf keinen Fall in die Onlinekommunikation einsteigen und sich damit noch weiter hineinziehen lassen.

Tipp zwei: Reden hilft. Sich einem Menschen anvertrauen, dem man selbst vertraut. Häufig sind das die Eltern oder Geschwister, es muss aber nicht so sein. Manchmal schämen sich Kinder sehr und vertrauen sich Menschen an, die ihnen eigentlich vielleicht gar nicht so nahe stehen. Das ist in Ordnung, aber egal wer Zuhörer ist, muss reagieren und die Eltern des Opfers kontaktieren.

Tipp drei: Beweise sichern. SMS nicht löschen, von Fotos und Texten in sozialen Netzwerken Screenshots anfertigen. Eltern oder ältere Geschwister können hier Hilfestellung leisten, damit das Kind nicht nochmals unnötig mit dem Material konfrontiert wird.

Tipp vier: Viele Portale haben eine Art „Notrufbutton“, den Kinder betätigen können und so Täter melden können. Kinder sollten sich mit diesen Möglichkeiten rechtzeitig vertraut machen, damit sie wissen, wo sie sich hinwenden können, wenn sie belästigt werden.

Tipp fünf: Eine wichtige Internetseite, bei der Kinder Hilfe bekommen, ist: www.nummergegenkummer.de.

Tipp eins für Eltern: Anzeichen rechtzeitig erkennen: Wenn ein Kind recht unvermittelt sein Verhalten ändert, zum Beispiel über gesundheitliche Probleme wie Kopf- oder Bauchschmerzen klagt, sich in der Schule verschlechtert, ungern nach draußen geht, kann dies darauf hindeuten, dass es ein Opfer von Mobbing geworden ist. Eltern sollten den Ursachen für Verhaltensänderungen ihrer Kinder stets auf die Spur gehen.

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Tipp zwei: Zeit geben: Kinder tragen ihre Sorgen zuweilen lange mit sich herum, bis sie sich einem Erwachsenen anvertrauen können. Eltern, die befürchten, dass ihr Kind Opfer von Cybermobbing geworden ist, sollten ihm auf jeden Fall die Zeit lassen, die es braucht, um sich ihnen anzuvertrauen. Wenn das Kind redet: Es ausreden lassen und einfach zuhören. Werden zu schnell Lösungen und Strategien der Erwachsenen präsentiert, kann es passieren, dass das Kind mit Rückzug reagiert.

Tipp drei: Sicherheit herstellen: Eltern müssen Ihrem Kind unmissverständlich zu verstehen geben, dass Sie stets für es da sind, es schützen werden und mit ihm gemeinsam ohne Wenn und Aber diese schlimme Zeit durchstehen. Eltern müssen dem Kind die Last abnehmen, dass es möglicherweise denkt, verantwortlich und selbst schuld an seiner Lage zu sein. Familien sind der wichtigste Rückhalt, den das Kind hat.

Tipp vier: Gemeinsam nach Lösungswegen suchen: Eltern sollten mit Ihrem Kind gemeinsam die nächsten Schritte abstimmen. Sie sollten sich dazu professionelle Hilfestellung holen und gemeinsam mit Schulleitung, Vertrauens- und Klassenlehrern und anderen Eltern nach Lösungswegen suchen, die mit dem Mobbing-Fall grundlegend aufräumen und dem Kind ein normales Weiterleben in seiner gewohnten Umgebung ermöglichen.

Tipp fünf: Eltern sollten den Betreiber des Internetangebots kontaktieren und dort den Täter melden. Es gilt, Beweise für den Mobbing-Akt zu sichern, d.h. SMS zu speichern und Screenshots anzufertigen. In besonders schwerwiegenden Fällen sollten sich Eltern an die Polizei wenden.

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