Nicht nur was für Nerds

Comicläden faszinieren Leser vom Manga-Mädchen bis Anzugträger

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Comicfans finden in den Büchern und Heften beim Lesen mehr als nur bunte Bilder. 
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Frankfurt – Superhelden, Gallier, sprechenden Enten und japanische Kriegerinnen: Comicläden sind klein – beherbergen aber riesige Universen. Und in denen verlieren sich nicht nur die Nerds. Von Franziska Jäger

Sie packen ihre Comic-Heftchen in Folien, tragen Shirts mit Superhelden-Aufdruck und holen ihre Sammelfiguren nie aus der Originalverpackung. Seit Jahren will die US-Sitcom The Big Bang Theory weismachen, Comicleser seien Computerfreaks und Muttersöhnchen, die in Schockstarre verfallen, sollte sich mal eine Frau in die heiligen Hallen des Comicladens verirren.

Ekki Helbig kann auf die Frage nach den typischen Comic-Klischees nur mit den Augen rollen. Seit über 20 Jahren steht er in seinem Frankfurter Comicladen T3 Terminal Entertainment hinter der Theke und weiß: Die Heftchen waren nie nur für Nerds reserviert. Wohl aber für Männer. „Früher kamen Frauen nur als ungeduldige Begleiter in den Laden. Oder um mal ein Calvin und Hobbes-Heft zu kaufen. Heute machen sie 50 Prozent unseres Kundenstamms aus“, sagt Helbig.

Langbeinige Kriegerinnen kommen an

Ein paar Straßen weiter im X-tra-Boox, einem der ältesten Comicläden Deutschlands, macht Wolfgang Strzyz vor allem ein Schulmädchen aus Japan für den extremen Wandel verantwortlich: Sailor Moon heißt die langbeinige Kriegerin für Liebe und Gerechtigkeit, die Mitte der Neunziger endlich auch ein junges weibliches Publikum anlockte. „Die Kartons mit den Lieferungen haben wir damals gar nicht mehr ausgeräumt, die Hefte wurden uns förmlich aus der Hand gerissen“, erzählt Strzyz. Seither brummt die Manga-Abteilung mit den japanischen Comicserien.

Wer Mangas liest, schaut sich laut Strzyz selten auch bei den frankobelgischen oder amerikanischen Superhelden-Comics um – und umgekehrt. Mittlerweile steht den jungen Manga-Leserinnen ein völlig gemischtes Publikum gegenüber: Anzugträger mit breit gefächertem Interesse, Langzeitsammler mit hohem Budget, Gelegenheitsstöberer oder Mütter, die sich freuen, wenn der Sohnemann überhaupt irgendetwas liest.

Wer sind die Comic-Helden aus Lego-Steinen?

Den Sprung ins Feuilleton und in die Regale der Buchhandlungen haben Comics dank eines Marketingbegriffs geschafft: „Wenn ein Comic als Graphic Novel ausgezeichnet ist, macht ihn das gleich anspruchsvoller“, sagt Strzyz. Weil sie abgeschlossene Geschichten enthalten, sind die illustrierten Romane auch für Neueinsteiger interessant. Und die wollen vermehrt Comicluft schnuppern, seit TV-Serien und die Flut an Superhelden-Filmen den Heftchen einen kultigen Status verliehen haben. Paradoxerweise haben gerade die Nerds aus The Big Bang Theory den Markt einem breiteren Publikum zugänglich gemacht, hat Helbig beobachtet. Die Filme haben generell starken Einfluss auf das Kaufverhalten. Aktuell ist Deadpool, großmäuliger und selbstironischer Anti-Held, im Kino zu sehen. „Beim Start von Deadpool ist hier im Laden der Wahnsinn ausgebrochen“, sagt Helbig, „auf den stehen nämlich auch die Frauen.“ Ebenfalls Selbstläufer sind Klassiker wie Asterix. Von den beiden Bänden aus der Feder des neuen Autorenduos haben Strzyz und Helbig massig verkauft. Gerade die frankobelgischen Comics – zu denen zählen auch Tim und Struppi, Die Schlümpfe oder Lucky Luke – sind einem breiteren Publikum bekannt.

Und die Nerds? Klar, die gibt es auch, sagen die Experten. Sie tummeln sich in den Kellerabteilen der Läden, bei den Superhelden und englischsprachigen Comics. Und ja, sie können ewig über ihre Serien oder die Färbung eines Bildes fabulieren. „Wir achten aber darauf, dass wir nicht zu nerdig wirken. Das obere Geschoss ist wie eine Buchhandlung aufgebaut, um die Kunden nicht abzuschrecken“, sagt Helbig. Die haben schon längst ihre Scheu verloren. Comics haben eins geschafft: Sie sind, sagt Helbig, „salonfähig und gleichzeitig cool“.

Franziska Jäger

Franziska Jäger

E-Mail:franziska.jaeger@extratipp.com

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