Interview

Claudia Roth: „Grüne werden definitiv nicht überflüssig“

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Claudia Roth.
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Claudia Roth polarisiert als Politikerin wie kaum eine andere. Als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages sei sie zwar aus dem „Schützengraben“ raus, aber ruhiger wird sie dadurch nicht. Von Axel Grysczyk

Flüchtlingspolitik, Klimakrise und ihre Leidenschaft Politik halten sie auch kurz vor ihrem 60. Geburtstag weiter auf Trab.

Die Steuereinnahmen explodieren, die Sozialkassen sind voll, es gab noch nie so viel Beschäftigung in Deutschland. Dem Land geht es gut. Was ist eigentlich der grüne Anteil an diesem Erfolg?

Der grüne Anteil ist, dass wir sehr viel Beschäftigung schaffen konnten in neuen Technologien. Gerade in Branchen, die auf Zukunft setzen: Zum Beispiel der Bereich der erneuerbaren Energien oder der Umwelttechnologien. In Zukunft wird es darum gehen, nicht blind auf Wachstum zu setzen. Es muss darum gehen, ein ökologisch verantwortungsvolles und sozial gerechtes Wachstum zu erzielen. Alles andere hat keinen Erfolg. Außerdem dürfen wir nicht diejenigen vergessen, die von der guten Wirtschaftslage nicht profitieren können. Auch die Armut steigt in Deutschland.

Aber ist es nicht so, dass die großen grünen Themen abgehakt sind? Und sind auch nicht die populären Vertreter dieser Themen aus Ihrer Partei nun alle abgetreten? Kurz: Sind die Grünen irgendwann überflüssig?

Ich sehe nicht, dass die grünen Themen abgehakt sind oder die Grünen überflüssig werden. Die Klimakatastrophe schreitet ungehindert voran, die toten Menschen im Mittelmeer sind eine Schande für Europa und nicht nur der BND-Skandal zeigt, dass es um unsere Bürgerrechte und unsere Demokratie nicht gerade zum Besten bestellt ist. Außerdem machen wir Politik ja nicht als Selbstzweck. Mir kann doch nichts Besseres als Grüne passieren, wenn andere unsere Themen aufgreifen und sie so mehrheitsfähig werden. Wenn wir Veränderungen schaffen – zum Beispiel in der Umweltpolitik – das ist doch Ziel unserer Politik. Aber da gibt es ja noch heftig viel zu tun.

Welches Thema ist für Sie derzeit das Wichtigste?

Es sind zwei: Der internationale Einsatz gegen die Klimakrise. Beim internationalen Gipfel in Paris Ende des Jahres muss diesmal etwas herauskommen. Und das Zweite ist eine humanitäre Flüchtlingspolitik. Europa muss sich entscheiden: Wollen wir uns einmauern oder unserer humanitären Verantwortung und unseren humanitären Werten gerecht werden? Dass nur fünf, sechs Länder Flüchtlinge aufnehmen, ist ein Skandal. Eigentlich gehört dieser EU der Friedensnobelpreis aberkannt.

Sie haben sich immer stark für die europäische Integration eingesetzt. Wo sehen Sie den Prozess derzeit?

Europa müsste viel weiter sein. Wir erleben gerade ein „Zurück zu den Vaterländern“. Europa könnte viel stärker bei den internationalen Krisen die Rolle als Vermittler übernehmen. Das geschieht aber nicht, weil es immer wieder in die nationale Ecke zurückfällt. Der Europäer Helmut Kohl hat Recht gehabt: Wir brauchen ein europäisches Deutschland.

Sie werden in diesem Monat 60 Jahre alt. Wie lange gibt’s Claudia Roth noch als Berufspolitikerin?

Ich werde sicher nie aufhören, Politik zu machen. Es ist ein Riesen-Privileg, zwölf Jahre als Parteivorsitzende gewirkt zu haben und jetzt als Bundestagsvize-Präsidentin arbeiten zu dürfen.

Kann man denn als Bundestagsvizepräsidentin noch Politik im Claudia-Roth-Stil machen?

Ich hoffe, ich habe mich nicht verändert. Mir ging es nie darum, mich anzupassen. Aber klar, ich mache es jetzt nicht mehr im Kampfmodus der grünen Partei. Ich will das jetzige Amt politisch definieren und ausführen, aber eben über die reine Parteipolitik hinweg.

Und wenn Sie nun doch aussteigen: Was machen Sie dann?

Politik.

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Axel Grysczyk

Axel Grysczyk

E-Mail:axel.grysczyk@extratipp.com

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