Archivar Manfred Kopp berichtet über Oberurseler Vergangenheit 

Camp King: Über Psychospiele und Drogen-Verhöre

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Manfred Kopp hat viele Informationen über den ehemaligen Militärstützpunkt Camp King gesammelt.

Oberursel – Versuche mit Drogen, stundenlange Verhöre und Psychospiele mit Gefangenen: Wo heute in Oberursel 1200 Menschen leben, wurden im Camp King während des Kalten Krieges Tausende Gefangene zum Reden gebracht. Von Angelika Pöppel

„Ich bin persönlich der Meinung, dass es auch ein paar Leichen gegeben hat“, sagt Manfred Kopp, Archivar und Führer durch das ehemalige Camp King in Oberursel. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nutzte der US-amerikanische Geheimdienst Office of Strategic Services (OSS) das Gelände. In den 1950er Jahren wurden im Camp King von der Nachfolgebehörde CIA an Gefangenen wohl auch intensive Gehirnwäsche durchgeführt. „Mit Einsatz von LSD und anderen Drogen wurde versucht, die Selbstkontrolle zu mindern und dadurch an Informationen zu kommen“, erzählt Kopp.

Erst die Nazis, dann die Amerikaner

Die heute denkmalgeschützen Häusern des Wohngebietes nutzten erst die Nazis, dann die Amerikaner. Eines hatten sie gemeinsam: Das Verhör. Ab 1939 verhörten die Nationalsozialisten in den Häusern – später insbesondere britische und amerikanische Piloten. Nach dem Kriegsende 1945 drehte sich das Blatt: Amerikaner versuchten in den Baracken hochrangige Nationalsozialisten und Geheimdienstleute zum Sprechen zu bringen.

In diesen Gebäuden wurde Gefangene verhört

60 Jahre Verhöre: Bilder des Camp King in Oberursel

CIA-Verhöre unter Drogen

Auch wenn die CIA -Agenten für ihre Verhör-Methoden gefürchtet waren, muss es auch weniger brutal zugegangen sein. „Unter den Amerikanern herrschte im Lager meist eine verständnisvolle Stimmung. Die Befragten wurden menschenwürdig behandelt, auch wenn später nur wenige etwas anderes behaupteten“, berichtet der Archivar. So wurde auch der Großindustrielle Fritz Thyssen in Oberursel verhört, der erst zu den Förderern und später zu den Gegnern der Nazis gehörte. „Er schrieb später, dass er im Camp King nicht gut untergekommen wäre. Da muss ich schmunzeln. Scheinbar macht sich das besser in seiner Biografie“, meint Kopp. Er wisse, dass die Gefangenen lediglich vor dem Schlafen ihre Schuhe abgeben mussten, damit sie nicht fliehen konnten.

Heute ein Wohngebiet

Der 79-Jährige hat sich sein Wissen durch Gespräche mit Zeitzeugen, Zeitungsartikel und aus Büchern angeeignet und alle Informationen gesammelt und sortiert. Als kleiner Junge erlebte er zwar mit, wie die Gefangenen mit der Straßenbahn in das Lager gebracht wurden. Aber: „Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht.“ Seine Mutter arbeitete sogar als Haushälterin in einer der Offiziershäuser. Erst in seinem hohen Alter weckte ihn die Neugier. „Es ist wie ein Puzzle, es fügen sich immer neue Informationen zusammen. Ich kann nicht aufhören“, sagt der Rentner.

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Nachdem die Amerikaner Camp King verlassen hatten entstand dort zwischen 1998 und 2006 ein Wohngebiet, in dem heute etwa 1200 Menschen leben. Kopp führt regelmäßig Besucher oder ganze Schulklassen über das Areal. Seit Mitte März hat das Archiv im ältesten Gebäude des Camp King, im heutigen Kinderhaus, Jean-Sauer-Weg 2, einen Platz auf Dauer gefunden. Die nächste Veranstaltung ist am Donnerstag, 11. April. Anmeldung zur Führung unter der Nummer 06171 581350.

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