Burnout im Pfarrhaus: Wenn des Seelsorgers Seele brennt

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Weit über 60 Wochenstunden: Viele Pfarrer leiden unter Burnout, weil sie überlastet sind. Die Dekane wollen mit Gesprächen und Fortbildungen helfen.

Region Rhein-Main – Bis zu fünf Prozent der Priester in der Region leiden unter Burnout, 50 Prozent sind gefährdet. In der Region haben das die Dekane erkannt und wollen nun mit Seminaren und Gesprächen der Psycho-Seuche Einhalt gebieten. Von Christian Reinartz

Der Pfarrer von heute ist nebenbei auch noch Küster, Hausmeister, Sekretärin, Putzfrau – eben Mädchen für alles. Acht-Stunden-Tag? Für Priester ist das ein Fremdwort. Ihr Tag richtet sich nach ihren Schäfchen. Und die verlangen manchmal rund um die Uhr nach ihren Hirten. Beerdigung, Taufe, Gottesdienst, Seelsorge – weit über 60 Wochenstunden sind normal.

Da wird ein Fiepen im Ohr, ein plötzlicher Schwindelanfall schnell überspielt. „Schließlich muss man ja funktionieren.“ Der evangelische Hochtaunus-Dekan Michael Tönges-Braungart weiß, dass viele Pfarrer nicht rechtzeitig auf die Symptome reagieren. „Viele gestehen sich erst ein, das etwas nicht stimmt, wenn sie schon am Ende sind“, sagt der Geistliche. „Dabei wäre es so wichtig, schon früher die Notbremse zu ziehen.“

Und schon bald könnte es noch schlimmer werden. Denn die evangelische Kirche will Personal einsparen. Pro Jahr sollen ein Prozent der Pfarrstellen abgebaut werden. Bis 2025 rechnet Tönges-Braungart mit bis zu einem Drittel weniger Pfarrer. Für die Verbleibenden würde das Burnout-Risiko steigen. Den eine Untersuchung des Theologie-Dozenten Andreas von Heyl ermittelte, dass 50 Prozent der Priester in der Region Burnout gefährdet sind.

Auch in Frankfurt sind offenbar immer mehr Pfarrer ausgebrannt. Nord-Dekan Jürgen Moser: „Die Belastung für unsere Pfarrer steigt immer mehr, aber Kosten sollen gespart werden. Das spitzt die Lage zu.“

Aber nicht nur auf evangelischer Seite kämpfen die Priester gegen Burnout. Die Katholiken scheinen im gleichen Maße betroffen. „Wir behalten das immer im Blick“, gibt der Offenbacher Dekan Michael Kunze zu. Die steigenden Erwartungen in den Gemeinden setzten die Priester immer mehr unter Druck. „Nimmt man sich bei Überlastung nicht rechtzeitig eine Auszeit, endet das in einem solchen Burnout.“

Zur Überlastung kommt zudem etwas, was Fachleute Aggressionshemmung nennen. Die meisten Pfarrer wollen freundlich und friedlich erscheinen. Streit und offene Konflikte passen nicht in das Selbstbild. Das hat zur Folge, dass viele von ihnen Konflikte über Jahre in sich hineinfressen. Konfrontationen verpuffen, die Sachverhalte bleiben ungeklärt. Die Folge: Noch mehr Psycho-Stress.

Doch die Dekane wollen ihre Pfarrer vor dem Burnout retten. „Wir haben das Thema immer auf dem Schirm und sprechen unsere Pfarrer darauf an“, sagt Katholik Kunze. Auch sein evangelischer Kollege Tönges-Braungart will dem Burnout seiner Pfarrer zuvor kommen. „Wir machen eine Fortbildung, bei der gemeinsam erarbeitet wird, wie wir uns auf die wesentlichen Dinge des Pfarrer-Seins konzentrieren können, ohne dabei die Gemeinde zu vernachlässigen.“

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