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Riesenhuber im Interview: Das entscheidet Wahlen

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Heinz Riesenhuber.

Region Rhein-Main - Heinz Riesenhuber ist ein politisches Urgestein: Seit 1976 im Bundestag und aktuell Alterspräsident. Am 22. September will der CDU-Politiker noch einmal für den Wahlkreis Main-Taunus in den Bundestag. Der 77-Jährige über Politik heute und früher. Von Dirk Beutel und Axel Grysczyk

Herr Riesenhuber, seit 1976 im Bundestag, seit 2008 Alterspräsident – was fasziniert Sie an Politik?

Es gibt zwei Seiten. Das eine ist mein Wahlkreis. Ich kenne viele Menschen persönlich über viele Jahre, das treibt mich an. Ich treffe sie auf den Herbstmärkten, den Weihnachtsmärkten, den Neujahrsempfängen und den Karnevalssitzungen. Erst neulich traf ich eine junge Mutter in Eschborn, die auf ihr kleines Kind deutete. Sie sagte: Schauen Sie mal Herr Riesenhuber, so alt war ich, als ich auf ihrem 50. Geburtstag ein Gedicht vortrug.

Und die andere Seite?

Das ist die Arbeit im Parlament. Es gibt immer noch einzelne Themen, mit denen ich noch nicht fertig bin. Ende der 80er Jahre war die Einsicht gewachsen, dass wir die Forschung im Mittelstand steuerlich entlasten müssen. Doch dann kam die Deutsche Einheit und der Finanzminister hatte andere Prioritäten. Aber für mich muss sich auf diesem Gebiet noch einiges tun, damit wir international wettbewerbsfähig bleiben.

Nach all den Jahren als Politiker: Wie hat sich denn das Politikmachen verändert?

Die Politiker sind anders. In den 70ern waren viele Beiträge im Parlament schon adrenalinfördernde Anregungen. Oder die Auftritte von Wehner oder Strauß – das waren Naturgewalten. Politik stand im Zeichen der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Es ging um Grundsatzentscheidungen, um den Wettbewerb wirtschaftlicher Systeme und darum, wer auf welcher Seite stand. Seit 1990 ist das anders. Die Welt ist offen, Menschenrechte und Demokratie und Marktwirtschaft sind fast überall anerkannt, zumindest im Grundsatz.

Ist Politik langweiliger?

In den 70ern und 80ern war die ideologische Differenz prägnanter. Der Unterschied ist heute nicht mehr so gewaltig. Der Nachteil ist, dass viele politische Forderungen ziemlich gleich klingen. Der Vorteil ist, dass man einen breiten Konsens erarbeiten kann, mit dem man die wichtigen Themen der Zukunft meistert. Wir alle wissen, dass die Zukunftsfähigkeit unseres Landes und der Wohlstand von Bildung und Forschung abhängen. Auf diesem Gebiet lässt sich mit den heutigen Konstellationen viel mehr erreichen. Und trotzdem bleiben einige Themen spannend. Beispiel: Energiewende. Ein breiter Konsens hat geholfen, die bisherige Energiepolitik zu ändern. Aber jetzt geht es um Detailfragen, bei denen es doch recht unterschiedliche politische Vorstellungen gibt.

Und trotzdem haben wir das Gefühl, dass sich weniger Bürger für Politik interessieren.

Es geht nicht mehr um die Schicksalsfragen der Nation. Freiheit oder Sozialismus – das ist entschieden. Es mag sein, dass dadurch auch das Interesse abgenommen hat. Vielleicht aber auch, weil etablierte Milieus nicht mehr lebendig sind. Der Großvater in der Gewerkschaft, der Vater war dabei, und der Sohn natürlich auch aktiv, alle immer in einem Stadtteil lebend mit vielen Gleichgesinnten – das gibt’s heute nur noch selten. Die Menschen engagieren sich heute lieber kurzfristiger, zum Beispiel in Bürgerinitiativen. Diese Menschen an die Politik heranzuführen, ist eine große Herausforderung. Da können auch die Medien Hilfestellung leisten: Die FAZ genauso wie der EXTRA TIPP.

Sie haben schon Wehner und Strauß genannt. Welche Politiker haben Sie denn am meisten beeindruckt?

Strauß war bei all seiner barocken Rhetorik jemand, der sich im Detail auskannte, der jede Akte durchstöberte. Helmut Kohl war da anders. Der hatte eine Generallinie, die durchgehalten wurde, von der Deutschen Einheit bis zur Sozialen Marktwirtschaft. Für mich war er der eindrucksvollste Politiker meiner Zeit unter denen, die heute nicht mehr aktiv sind – vor allem wegen seiner Zielstrebigkeit.

Was wird demnächst ganz allgemein Wahlen entscheiden?

Zwei Themen. Zum einen: Den sozialen Zusammenhalt in Deutschland auf Dauer sichern. Und zum anderen: Den Wohlstand voranbringen.

Gerade im krisengeschüttelten Südeuropa erkennt man, dass die politischen Auseinandersetzungen heftiger werden. Es gibt einige demokratiefeindliche Tendenzen. Bei uns wird es darum gehen, dass junge Menschen einen persönlichen Aufstieg erreichen können, und dass sie das wissen.

Zur aktuellen Politik: Wie wahrscheinlich ist eine Große Koalition in Prozent?

Kann ich nicht sagen, Schwarz-Gelb wird vorne sein.

Und Rot-Grün?

Sehe ich keine Chancen. Aber Rot-Rot-Grün, das müssen wir verhindern.

Haben Sie noch einen Tipp für Peer Steinbrück ?

Bei Peer Steinbrück habe ich wirklich keine Idee.

Was raten Sie Angela Merkel?

Sie macht alles richtig. 70 bis 80 Prozent der Deutschen wollen sie als Kanzlerin. Aber Kanzlerin bleibt sie nur mit einer starken Union.

Was sind Ihre Themen für die nächsten vier Jahre?

Die Wirtschaft stärken, neue Ideen für Forschung und Technik voranbringen und vor allem jungen Menschen alle Chancen geben, in die Arbeitswelt reinzuwachsen – damit schaffen sie ihr eigenes Lebensglück, und damit bringen sie die Wirtschaft voran.

Sie haben gesagt, dass Sie Ihrer Frau versprochen haben, dass dies Ihre letzte Legislatur ist.

Sie hat gesagt: Einmal macht sie es noch mit.

Gibt es dann Heinz Riesenhuber als Politik-Rentner?

Sicher gibt es auch ein gutes Leben nach dem Bundestag. Aber langfristige Lebensplanung trägt nur begrenzt. Ich war immer neugierig, was an neuen Chancen entsteht.

 

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