Bücher-Check beim EXTRA TIPP: Welche Werke sich für die Sommerferien lohnen –

Bücher-Check: 10 Empfehlungen für Schmöker-Spaß im Urlaub

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Ab in den Strandkorb, nettes Buch mitgenommen und schon ist der Sommertag perfekt.

Am Stand liegen und in einem dicken Schmöker oder im E-Book versinken, die Sonne auf jeder Hautfaser spüren und sauer werden, wenn das zu Ende ist. Das ist Teil des Sommergefühls. Doch welche Bücher soll man lesen? Der EXTRA TIPP macht Vorschläge. Von Axel Grysczyk

Manuela Lewentz: „KuckucksMord"

„Es tut so gut zu sehen, wenn der Schmerz sich die richtige Adresse sucht. Ich habe Freude daran, zuzusehen, wenn die Angst in den Gesichtern sich ausbreitet.“

Da ist es wieder, das unheimliche „Ich“, das wie in früheren Kriminalromanen von Manuela Lewentz die Perspektive des Mörders wiedergibt und inzwischen ebenso zum festen Personal gehört wie die attraktive Kommissarin Jil Augustin. Noch berechnender, noch abgebrühter erscheint der neue Täter, der nicht einmal vor einem Attentat auf die Kommissarin zurückscheut und sich dem Leser gar als der Tod persönlich vorstellt!

Erneut spielt die Handlung am Rhein, in und um Kamp-Bornhofen, einer Idylle, die sich als trügerisch erweist. Bei der Recherche der jungen Journalistin Petra fallen dunkle Schatten auf die vermeintlich untadelige Vergangenheit im Ort. Sie findet heraus, dass im Krankenhaus vor langer Zeit Babys absichtlich vertauscht wurden. Doch bevor sie ihren Artikel veröffentlichen kann, wird sie vergiftet, ihr Vorgesetzter Achim bei der Jagd erschossen. Zwei Fälle, die Kommissarin Jil Augustin auf den Plan rufen, die ausgerechnet bei einer Kreuzfahrt Zeugin des Mordes an der Journalistin wird. Augustin und ihr Kollege Hansen stoßen bei ihren Ermittlungen auf ein Netz aus Neid, Eifersucht und eiskalter Berechnung. Nach und nach lässt die Autorin so die Dekadenz der sogenannten feinen Gesellschaft sichtbar werden, wobei sie sich aber nicht etwa simpler Schwarz-Weiß-Malerei bedient, sondern subtile Charakterstudien zugrundelegt: Der Täter beispielsweise ist selbst ein Opfer und gibt in beklemmenden Einschüben Einblicke in sein finsteres Denken.

Auch in „KuckucksMord“ gestaltet Manuela Lewentz die Suche nach dem Mörder nicht als fortlaufende Geschichte, sondern in einer multiperspektiven Erzählweise, eine Technik, die sie in ihren Krimis inzwischen bis zur Perfektion entwickelt hat: In kurzen Kapiteln lässt sie alle Beteiligten – vom Opfer über dessen Umfeld bis zu den Ermittlern – zu Wort kommen, so dass das Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven beschrieben und Stück für Stück zusammenfügt wird. „KuckucksMord“ ist ein „schnelles“ Buch, das den Leser in Atem hält, ein Buch, das man erst nach der letzten Seite aus der Hand legen möchte. Nun erst sind alle Zusammenhänge klar, passen auf einmal alle Handlungsstränge zusammen, die zuvor geschickt in den Erzählpassagen der einzelnen Figuren angelegt wurden.

Manuela Lewentz: „KuckucksMord“

Janet Evanovich: „Küssen und küssen lassen“, Manhattan, 320 Seiten

Eins steht fest: Mit Protagonistin Stephanie Plum will man auf keinen Fall tauschen. Aber ihr chaotisches Leben lesend begleiten, das macht Spaß. Und das nicht zum ersten Mal. Janet Evanovich lässt die quirlige Kopfgeldjägerin immer wieder im Chaos versinken. Mit „Küssen und küssen lassen“ schickt die Bestseller-Autorin zum 19. Mal Stephanie Plum auf Verfolgungsjagd. Eine Frau, zwei Männer und das Chaos - und das Buch für Buch. Auch wenn das Schema doch immer recht ähnlich verläuft, wird man nicht müde, den Abenteuern von Stephanie Plum gespannt zu folgen. Die Geschichten angesiedelt im Genre Frauenroman mit Spannung regen stets zum Schmunzeln an.

Als treuer Begleiter durch Stephanie Plums Leben erweist sich Goldhamster Rex. Den vernachlässigt die Kopfgeldjägerin mit dem kriminalistischen Gespür jedoch immer mehr, da sie die Nächte oft bei Joe Morelli dem Polizisten und Jugendfreund verbringt. Doch da gibt es ja auch noch den Kollegen Ranger, der immer mal wieder dazwischenfunkt.

Wo Stephanie Plum auftaucht, ist einfach das Chaos. Und nicht zum ersten Mal geht ihr Auto in Flammen auf. Das sieht Kollegin Lula, die früher als Prostituierte arbeitete, ganz praktisch: „Jetzt brauchst du dich auch nicht mehr um die leer Batterie zu kümmern.“

Stephanie Plums großer Fall in „Küssen und küssen lassen“ ist Geoffrey Cubbin. Er hat fünf Millionen Dollar unterschlagen, ist auf Kaution frei, aus einem Krankenhaus geflüchtet und natürlich nicht zum Gerichtstermin erschienen. Bei seiner Frau hofft Stephanie Hinweise zu finden, doch auch sie ist plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Schlechte Karten hat die Kopfgeldjägerin auch bei einem Leibwächter-Job. Dort bekommt sie vergiftetes Essen serviert. Stephanie braucht einfach das Geld – andere berufliche Perspektiven fehlen. Und weil Geoffrey Cubbin erstmal nicht zu finden ist, macht sich Stephanie auf die Suche nach Brody Logan.

Und nach reichlich Turbulenzen geht natürlich alles gut aus, und das Schicksal nimmt noch eine überraschende Wendung.

Auch mit „Küssen und küssen lassen“ liefert die amerikanische Autorin Janet Evanovich wieder einen Stephanie-Plum-Roman mit der Garantie zum Schmunzeln ab. „Küssen und küssen lassen“ ist einfach die perfekte Urlaubslektüre.

Janet Evanovich: „Küssen und küssen lassen“, Manhattan, 320 Seiten

Lars Kepler: "Ich jage dich"

Detailreiche Spannung Die Stockholmer Polizei steht unter Druck: Ein Serienmörder verfolgt einen brutalen Plan. Er beobachtet und filmt Frauen durch das erleuchtete Fenster, schickt die Filmaufnahme an die Polizei und ermordet dann die Frauen auf grausamste Weise. Die Polizei ist machtlos, der Mörder ist ihr immer einen Schritt voraus. Die Beamten degradieren zu Zuschauern. Der Mörder lässt seinen Opfern keine Chance – „Susanne Kern erkennt, dass sie nicht überleben wird.

Wie ein Abgrund tut sich eine lähmende Angst vor ihr auf, als sie endlich aufhört, um ihr Leben zu kämpfen“. Ihr Ehemann wird durch den Anblick seiner ermordeten Frau traumatisiert. Er reinigt den Tatort und legt seine Frau ins Bett. Die Polizei muss wieder zuschauen, wichtige Beweise wurden vernichtet. Der Psychiater Erik Maria Bark soll mittels Hypnose Licht ins Dunkel bringen. Kommissarin Margot Silverman ist die neue Expertin der Landeskriminalpolizei für Serien- und Mehrfachmörder – zu ihrem Aufgabengebiet gehören auch Stalking-Fälle. Doch die Arbeit setzt ihr zu – „sie ist sechsunddreißig Jahre alt, das dritte Mal schwanger“. Dann taucht der totgeglaubte Kommissar Joona Linna wieder auf: „Der legendäre Kommissar ist gealtert. Er hat einen dichten blonden Bart und seine verfilzten Haare hängen über die Ohren und fallen im Nacken in Locken auf den gefütterten Kragen der Jacke.“ Seinen kriminalistischen Spürsinn hat Joona aber nicht verloren. Lars Kepler beschreibt auch in seinem fünften Schweden-Krimi „Ich jage dich“ detailreich, beinah poetisch, Umgebung, Personen und Handlungsstränge. Genauso tief nimmt er den Leser mit in die Welt der Grausamkeiten und spart auch dort nicht mit Details. Allerdings ist das eine oder andere Detail für die Handlung unnötig und sorgt so teilweise für Langatmigkeit. Das Prädikat „Schweden-Krimi“ trifft zu, so haben schwedische Autoren mit ihren Büchern einen besonderen Platz in der Krimiliteratur eingenommen. Der Erfolg des Debütromans „Der Hypnotiseur“ setzt sich weiter fort. Autor Lars Kepler und Protagonist Joona Linna haben ihre Fangemeinden – und das eben nicht nur in Schweden, wo die Bücher mit Preisen ausgezeichnet wurden. Hinter dem Pseudonym „Lars Kepler“ steckt das schwedische Autoren- Paar Alexandra Coelho Ahndoril und Alexander Ahndoril.

Lars Kepler: Ich jage dich. Bastei Lübbe, 688 Seiten, ISBN: 978-3-7857-2511-5 .

John Cleese: „Wo war ich noch mal?“

 

Ein Wollmaki namens Cleese Er sehe aus, wie jemand, der sich seinen eigenen Körper übers Wochenende ausgeliehen habe, und nun nicht wisse, was er damit anfangen solle, sagt Kevin Kline im Film „Wilde Kreaturen“ über John Cleese. Der Komiker verkörpert in seinen Rollen oft die Definition von Britishness: Ständig besorgt, jemandem auf den Schlips zu treten und sich in genau jene absurden Situationen manövrierend, die bei Monty Pythons Flying Circus, „Ein Fisch namens Wanda“, „Fawlty Towers“ oder „Ritter der Kokosnuss“ für die größten Lacher sorgen. Wer sich beim Kauf von Cleeses Autobiographie „Wo war ich nochmal?“ auf ebenso viele skurrile Geschichten gefreut hat, wird jedoch enttäuscht. Um die englischen Kult-Komiker Monty Python geht es nur ganz zum Schluss. Dafür erfährt der Leser viel über Cleeses Kindheit und Jugend im Südwesten Englands und über die Anfänge seiner Schauspiel- und Komiker-Karriere in den 1960er-Jahren. Ursprünglich hatte der Sohn eines Versicherungsvertreters Anwalt werden wollen, seinen Abschluss machte er in Cambridge. Doch während der Studienzeit entdeckt er seine Liebe fürs Komödiantische. Im Theaterclub Footlights lernt er seinen langjährigen Schreibpartner Graham Chapman (Brian in „Das Leben des Brian“) kennen. Die beiden arbeiten auch nach ihrer Studienzeit zusammen, unter anderem als Sketch-Autoren für die BBC-Fernsehsendung „The Frost Report“. Mit Selbstironie und Nachdenklichkeit beschreibt John Cleese die eigenen Unzulänglichkeiten, die absurden Ausmaße des Ruhms (so trägt zum Beispiel eine in Madagaskar heimische Lemurenart nun den Namen Cleese-Wollmaki) und die Querelen mit den anderen Pythons. Die haben sie aber nicht davon abgehalten, im vergangenen Jahr mit Monty Python zehn ausverkaufte Vorstellungen in der Londoner O2-Arena zu geben. Ein Ereignis, mit dem John Cleese seine Autobiographie beendet: nicht ohne Stolz, mit warmherzigen Worten für die 16000 Zuschauer (pro Abend) und liebevollen Sticheleien über seine Kollegen.

ema Verlag: John Cleese: „Wo war ich noch mal?“, Blessing, 480 Seiten, ISBN: 978-3-89667-505-7

Sophie Seeberg: "Die Schanin hat nur schwere Knochen"

Wenn der eigene Berufsalltag zumeist so aussieht, wie das Nachmittagsprogramm von RTL, hilft oft nur Humor. Während sich auf der Mattscheibe überforderte Eltern mit dem aufmuckenden Nachwuchs herumschlagen oder der Rosenkrieg geschiedener Paare auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird, weiß Sophie Seeberg aus eigener Erfahrung, dass es solche Fälle wirklich gibt. Die Familienpsychologin arbeitet als Gerichtsgutachterin. Nach dem Erfolg ihres ersten Buches „Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey“ erzählt sie in der Fortsetzung „Die Schanin hat nur schwere Knochen“ wieder von echten Fällen. Ihre Schilderungen führen beim Leser zu einer zwiegespaltenen Reaktion: Dem ungläubigen Lachen auf der einen Seite und dem Drang, sich das Buch angesichts des eigenen Entsetzens gegen den Kopf zu schlagen, auf der anderen. Für die Familienpsychologin entwickelt sich die humorvolle Auseinandersetzung mit den oftmals tragikomischen Geschichten zu einer Art Eigentherapie. „Psychohygiene“, wie es im Buch heißt – um in diesem anspruchsvollen Job nicht selbst irgendwann durchzudrehen. Etwa wenn Tim (fünf Jahre) und Joel (drei Jahre) weder die Namen von Farben noch den Unterschied von Frühstück und Abendbrot kennen, aber genau wissen, wie sie aus dem Kindergarten verschwinden und im Supermarkt um die Ecke „Bier für Papa“ klauen können. Die Eltern sind überfordert, die Anwälte übermotiviert und Probleme vorprogrammiert. Auch der Fall der 18-jährigen Sandy ist nicht besser. Seeberg soll klären, ob die Schwangere in der Lage sein wird, sich später um das Baby zu kümmern. Das erscheint bereits anhand der Tatsache fraglich, dass Sandy nur mit dem Kindsvater Klaus geschlafen hat, um vor dem angehimmelten Kevin nicht als unerfahrene Jungfrau dazustehen. Dass dieser von der Schwangeren nun erst recht nichts wissen will, interessiert Sandy wenig. Sie malt sich Kevin bereits als fürsorglichen Papa aus. Bücher in denen Lehrer, Kassierer und andere Menschen aus ihrem Alltag berichtet, liegen im Trend. Sophie Seeberg hebt sich von diesem Tross jedoch angenehm ab. Neben der Heiterkeit bewahrt sie sich eine gewisse Seriosität und schildert auch Hintergründe, Verfahrenswege und, soweit ihr bekannt, den Fortgang nach den Verhandlungen. Dadurch hat das Buch zwar auch seine Längen – aber die sind es wert.

Seeberg, Sophie: Die Schanin hat nur schwere Knochen, Knaur, 336 Seiten, ISBN 978-3-426-78764-9

Kim Gordon: "Girl In A Band – Eine Autobiographie"

Dissonanzen und ein gebrochenes Herz „Ich persönlich mag es, wenn Dinge in die Brüche gehen – das ist echte Unterhaltung, dekonstruiert“, schreibt Kim Gordon über die Zerstörung von Musikinstrumenten auf der Bühne. In ihrer Autobiographie „Girl In A Band“ geht vieles in die Brüche. Schließlich beginnt das Buch schon mit dem Ende: Dem letzten Konzert ihrer Band Sonic Youth. Die Bassistin und Sängerin der einflussreichen amerikanischen Noise-Rocker verarbeitet nicht nur die Auflösung ihrer Band, sondern auch das Ende ihrer 27-jährigen Ehe. Ihr Mann und Sonic-Youth-Gitarrist Thurston Moore hat eine Affäre. „Es ist einfach schwer, mit gebrochenem Herzen eine Liebesgeschichte zu erzählen“, schreibt Gordon. Viel eher ist das Buch eine Abrechnung geworden mit dem Gitarrengott Thurston Moore, der in Gordons Memoiren wenig mehr als ein Typ in der Midlife-Crisis ist, der sich von einem Groupie hat einwickeln lassen. Sonic Youth waren mit ihrer dissonanten Musik, die viele einfach nur als Krach bezeichnen würden, auch Vorbild für Kurt Cobain und Nirvana. In ihren Erinnerungen widmet sich Kim Gordon auch der Grunge-Ikone aus Seattle, für den sie fast schon mütterliche Gefühle entwickelte. Auch seine Frau Courtney Love kommt in dem Buch vor, allerdings weit weniger gut weg. Eine Borderline-Persönlichkeit sei sie, raffiniert, ehrgeizig und selbstbezogen, attestiert Kim Gordon. Billy Corgan von den Smashing Pumpkins? Eine Heulsuse, die keiner leiden kann. Kim Gordon, geboren 1953, wuchs in Kalifornien auf. Ihr Vater war Professor, ihr Bruder leidet seit seiner Kindheit an paranoider Schizophrenie. Sie ist ein schüchternes Kind, das unter dem zunehmend gewalttätigen Bruder leidet, ihn aber dennoch vergöttert. Früh interessiert sie sich für die Kunst, erst später kommt die Liebe zur Musik. Über Umwege landet sie als Studentin in New York und knüpft Kontakte zur Kunst- und Musikszene. „Ich wollte nahe an das heran, was Männer empfinden, wenn sie zusammen auf der Bühne sind – um zu versuchen, dieses unsichtbare Ding zu beschreiben“, erklärt Gordon. Sie landet mittendrin und wird eine weibliche Ikone der Rockmusik, ein cooles X-Girl (so heißt auch ihr kurzlebiges Modelabel). Sie hadert mit ihrer Rolle und ihrem Look und stellt fest: Je sexier sie sich anzieht, desto einfacher lässt sich Sonic Youths sperrige Musik verkaufen. 1982 erscheint das erste Album, der Durchbruch gelingt 1988 mit „Daydream Nation“. Kim Gordon muss sich ständig Fragen lassen, wie es so ist, als einzige Frau in einer Band. Später variiert die Frage: „Wie ist es, Mutter zu sein und in einer Band zu spielen?“ Eine Antwort darauf gibt es nicht wirklich. Außer vielleicht die: „Die schlichte Wahrheit ist, ich wollte nie Hausfrau sein. Ich wollte nie etwas anderes sein als das, was ich war.“ ema

Kim Gordon: Girl In A Band – Eine Autobiographie. Kiepenheuer und Witsch, 341 Seiten, ISBN 978-3-462-04748-6

Helen Fielding: "Bridget Jones – Verrückt nach ihm"

Die Königin des Chaos ist wieder da Jaaaaa, sie ist wieder da. Wer? Bridget Jones natürlich! Endlich! Nach „Schokolade zum Frühstück“ und „Am Rande des Wahnsinns“ ist sie jetzt „Verrückt nach ihm“. Wer Bridget einmal ins Herz geschlossen hat, wird auch den dritten Teil und damit die langerwartete Fortsetzung der Reihe von Helen Fielding lieben. Wieder dreht sich alles um die tolpatschige und liebenswerte Protagonistin. Dennoch: Das Leben von Bridget Jones hat sich drastisch geändert. Aus dem unglücklichen Single ist eine alleinerziehende zweifache Mutter geworden. Und obwohl sie gerade frisch verliebt ist, herrscht nicht nur Sonnenschein im Leben von Bridget Jones, die nun eigentlich Bridget Darcy ist: Billy und Mabel vermissen ihren Vater. Zudem hat Bridget ihr Herz an einen Mann verloren, der über 20 Jahre jünger ist. Das Chaos ist praktisch vorprogrammiert. Obwohl sich das Leben von Bridget verändert hat, werden die Fans kaum etwas vermissen. Bridget ist einfach Bridget: unverwechselbar, lustig, gefühlsbetont und kritisch mit sich selbst. Wieder nimmt sie den Kampf um ihr Idealgewicht auf, wieder erlebt sie unglaubliche Begegnungen und wieder springt sie voller Wucht in jedes Fettnäpfchen, das sich ihr bietet. Und auch Frauenheld Daniel taucht erneut auf – diesmal stellt er seine Fähigkeiten als babysittender Patenonkel unter Beweis. Die Lektüre von „Verrückt nach ihm“ hat echtes Suchtpotential – Tränen der Freude und des Mitgefühls inklusive. Dafür sorgt Helen Fielding mit ihrem einzigartigen Stil und dem Blick für die ganz besonderen Nebensächlichkeiten, die das Leben so bunt machen. Die Bilder sind unglaublich: Da befreit Mr Wallaker, der gutaussehende Lehrer, Bridget und ihre beiden Kinder nach einer Kletterpartie aus dem Baum, oder verwechselt Bridget vor einem Date die wasserfeste Wimperntusche mit dem Lippenstift. Bridget hat zudem die modernen Kommunikationswege für sich entdeckt und „zwitschert“ was das Zeug hält. In der Community klärt sie die wichtigsten Fragen zum ersten Date: „Was ist eigentlich wichtiger, schön auszusehen oder pünktlich zu sein?“ Nun hat Bridget nicht nur den Blick auf die Anzeige der Waage gerichtet, sondern auch auf die Anzeige der Twitter-Follower. Das Leben von Bridget ist turbulent.

Helen Fielding: Bridget Jones – Verrückt nach ihm. Goldmann Verlag, 512 Seiten, ISBN: 978-3-442-48013-5

Patrick Modiano: "Der Horizont"

Wenn die Vergangenheit nicht ruhen will Schicksal oder Zufall? Diese Frage hat sich wohl jeder schon das eine oder andere Mal in seinem Leben gestellt. Auf ganz einfühlsame Weise geht auch Patrick Modiano, einer der bedeutendsten französischen Schriftsteller der Gegenwart, in seinem Roman „Der Horizont“ dieser Frage nach. Paris in den 60er Jahren: Margaret Le Coz und Jean Bosmans – meist nur Bosmans genannt – begegnen sich das erste Mal. Unruhen beherrschen die Stadt. Mitten im Tumult werden sie von Menschenmengen an die Wand einer Metrostation gedrängt. Zufall oder Schicksal? Auf jeden Fall prägt das Zusammentreffen das weitere Leben. „Bosmans hatte irgendwo gelesen, die erste Begegnung zweier Menschen sei wie eine leichte Verletzung, die jeder spürt und die ihn aus seiner Einsamkeit und seiner Benommenheit reißt“ – so war es auch bei Margaret und Bosmans. So zufällig oder schicksalshaft die Begegnung auch gewesen sein mag, so verbunden sind dieses beiden Menschen miteinander – ohne es zu wissen. Beide sind auf der Flucht vor der Vergangenheit und suchen Schutz in der großen anonymen Stadt an der Seine. „Sie beide hatten wirklich keinen Halt im Leben. Keine Familie. Keine Zuflucht. Hergelaufene.“ Doch zumindest für kurze Zeit haben sie sich gegenseitig. Im Raum steht die Frage nach der Zukunft, nach dem Horizont. Doch dann flüchtet Margaret erneut. Bosmans wartet vergeblich auf ein Zeichen. 40 Jahre später lässt Bosmans die Vergangenheit, die ihn nicht ruhen lässt, Revue passieren. Eine Spur von Margaret führt ihn nach Berlin. Patrick Modiano erzählt Episoden des Lebens. Er berichtet detailliert, direkt und dennoch sanftmütig – auch von den dunklen Seiten. Sein Roman „Der Horizont“ erzählt von einer Liebesgeschichte im Strudel der Zeit. Mitreißend sind auch die sorgfältig gewählten Worte des Autors. Modiano zeigt in seinem Werk die Verletzlichkeit der Seele und den Einfluss auf das Leben auf. Ausgerechnet in der Stadt der Liebe hat die schicksalshafte Begegnung von Margarete und Bosmans keine Zukunft. Patrick Modiano wurde 1945 geboren. Für seine Veröffentlichungen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Romanpreis der Académie française und den Prix Goncourt. 2012 wurde ihm der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur verliehen und 2014 der Nobelpreis für Literatur.

Patrick Modiano: Der Horizont, dtv, 184 Seiten, ISBN 978-3-

Kati Naumann: "Die große weite Welt der Mimi Balu"

 

Großstadt gegen Kleinstadt: London gegen Limbach-Oberfrohna. Künstlerin gegen Bäckereifachverkäuferin: Mimi Balu gegen Michaela Balutzke. Die Unterschiede könnten kaum größer sein. Aber für Michaela Balutzke steht fest, sie will als Mimi Balu von London aus die ganze Welt erobern. Mimi, die Sängerin, sehnt sich nach dem Applaus. Doch der Weg zum Erfolg ist nicht leicht. Viele haben diesen einen Traum. Mimi Balu beweist sich als echte Überlebenskünstlerin: Aus einem Jahr geplanten Aufenthalt in London werden schnell zwei Jahrzehnte. „Es war eben nicht leicht, sich zu entscheiden, wenn es so viele Möglichkeiten gab. Ich musste sie doch alle ausprobieren!“. Urkunden und Abschlüsse sammelt sie fleißig – immer auf der Suche nach der Kunst, von der sie leben kann. Das Herz von Mimi Balu schlägt für die Metropole an der Themse. „Es fühlt sich berauschend an, Teil dieser Stadt zu sein. Ich liebte alles an ihr. Diese Lässigkeit, die Überraschungsmomente und diese herrliche Lautstärke, die eine tieffliegende Boeing über mir scheinbar lautlos durch die Luft gleiten ließ.“ Mimi ist eine echte Großstädterin geworden. Schon allein der Gedanke an den Besuch bei der Familie im Erzgebirge macht ihr Angst. Doch zum Glück gibt es ja noch Oma Trude. Sie versteht Mimi und ihre Träume, unterstützt das große Vorhaben der Enkelin. Oma Trude ist immer da – und immer für eine Überraschung gut. Doch dann kommt alles anders als gedacht – wie immer. Die Rückkehr in die Heimat ist für Mimi Balu nicht ganz freiwillig. Über Umwege geht es zum Applaus… Das Buch „Die große weite Welt der Mimi Balu“ scheint eine Liebeserklärung an London zu sein. Es erzählt von einer Frau, die sich auch als 40-Jährige die Träume eines Mädchens voller Naivität bewahrt hat. Doch tief im Inneren schlägt in der großstädtischen Künstlerin eben doch das Herz von Balutzke Michaela aus dem Erzgebirge – und für die Familie. „Die große weite Welt der Mimi Balu“ ist ein leichtes Leservergnügen, erzählt aber mit viel Witz und Einfühlungsvermögen von einem Leben zwischen Wunsch und Realität. Und erinnert ganz nebenbei an die eigenen Träume, die tief in einem schlummern. Träumen darf man ja.

Kati Naumann: Die große weite Welt der Mimi Balu; Knaur TB; 304 Seiten; ISBN: 978-3-426-51681-2

Ursula Poznanski: "Stimmen, Wunderlich"

Ursula Poznanski verliert keine Zeit. Ihren neuen Thriller lässt die Autorin direkt mit einem doppelten Albtraum beginnen: Die Spurensicherung tobt. Irgendwer hat versucht, die Blutlache am neuesten Tatort zu entfernen. So kann doch niemand arbeiten. Albtraum Nummer eins. Schuld haben aber nicht übereifrige Putzfrauen oder gar der Täter. Es war Walter Trimmel. Albtraum Nummer zwei. Er hat das Blut aufgeleckt. Unfreiwillig. Die Stimme seiner toten Mutter hat es ihm befohlen. Willkommen in der Psychiatrie des Klinikums Salzburg-Nord, willkommen im dritten Fall von Beatrice Kaspary. Nach „Blinde Vögel“ und „Fünf“ muss die Ermittlerin in „Stimmen“ zusammen mit ihrem Kollegen Florin Wenninger diesmal den Mordfall an einem jungen Arzt aufklären. Dr. Schlager wurde nicht nur vergiftet, post mortem rammte ihm jemand eine Stahlschiene in den Hals und dekorierte seine Leiche mit einem Sammelsurium an scheinbar zufälligen Dingen. Autorin Ursula Poznanski arbeitete früher als Medizinjournalistin. Dass sie sich im Klinikalltag auskennt, ist dem gut recherchierten Werk anzumerken. Der größte Reiz des Buches liegt darin, dass Kaspary und ihr Team versuchen müssen, aus den teils wirren Angaben der Psychiatrie-Patienten schlau zu werden. Walter Trimmel hat die Leiche gefunden, wird jedoch in fast jeder wachen Minute von Stimmen heimgesucht. Maja Brem war angeblich mit Dr. Schlager im Bett – allerdings behauptet sie das von so gut wie jedem Mann auf der Station. Und dann ist da noch Jasmin Matheis, die 15 Jahre lang von ihrem Vater gefangen gehalten wurde. Sie reagiert auf nichts, kommuniziert nicht – oder doch? Kaspary ist sich sicher, dass die Ärzte bei Jasmin etwas übersehen. Sie soll recht behalten. Doch Kaspary muss sich beeilen. Zwei weitere Mordfälle geschehen und die Klinikleitung macht Druck. Und zu allem Überfluss will nun auch noch Kasparys Ex-Mann das Sorgerecht für die Kinder einklagen. Poznanski schreibt gut, schnell, spannend. Aber dennoch hakt die Geschichte an einigen Stellen. Etwa, dass Kaspary eine Armada an kompetenten Ärzten und Pflegern ausspielt, indem ihr halb angebissene Kekse entscheidende Hinweise geben. Gleichzeitig wirft das Buch die Frage auf, ob sich Schwangerschaften im Klinikalltag wirklich leicht verheimlich beziehungsweise vortäuschen lassen. Nichtsdestotrotz ist „Stimmen“ in weiten Teilen ein gelungener Thriller, der den Leser durchaus unterhält. Wer einen Blick riskiert, hat selbst schnell Blut geleckt.

Poznanski, Ursula: Stimmen, Wunderlich, 448 Seiten, ISBN 978-3-8052-5062-7

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