Christine Solbach im Interview

Brustkrebs-Expertin: „Wir wissen noch zu wenig“

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Christine Solbach gilt als Pionierin der Brustkrebsbehandlung. Seit etwa vier Monaten arbeitet sie im Brustzentrum der Frankfurter Goethe-Universitätsklinik.

Christine Solbach ist die erste Professorin für Senologie in Deutschland. Sie spricht über den Stand der Mammografie, ob ein Deodorant Brustkrebs auslösen kann und über prominente Mutmacher für Betroffene. Von Dirk Beutel 

Frau Solbach, wissen Sie, welches Deospray Sie aktuell benutzen?

Ja, ich nehme ein Antitranspirant welches Aluminiumsalze enthält. Ich habe nachgeschaut, weil die Berichterstattung über diese Deos gerade die Presse füllt.

Das Verbraucherministerium prüft, ob Aluminiumsalze für ein höheres Risiko für Brustkrebs verantwortlich sind. Sollte jeder nun schnellstens sein Deo wechseln oder eher Ruhe bewahren?

Jeder von uns benutzt mehr oder weniger Deodorants und ist damit im Alltag konfrontiert. Es existieren derzeit keine überzeugenden wissenschaftlichen Beweise, dass ein Zusammenhang zwischen Brustkrebs und Alumiumsalzen besteht. Also sollte man mit voreiligen Urteilen zurückhaltend sein. Was man sicher sagen kann ist, dass Brustkrebs bisher nie auf einen einzigen Faktor zurückgeführt werden konnte, sondern ein multifaktorielles Geschehen ist bei dem viele verschiedene Komponenten eine Rolle spielen.

Jährlich erkranken etwa 75.000 Frauen in Deutschland neu an Brustkrebs, etwa doppelt so viele wie 1980. Wie lässt sich die Steigerung der Neuerkrankungen erklären?

Wir können in der Zwischenzeit einen Zusammenhang zwischen unseren Lebensgewohnheiten und dem Risiko an Brustkrebs zu erkranken herstellen. Dabei spielen vor allem unsere Ernährung, Alkoholkonsum, Rauchen und vor allem sportlichen Aktivitäten und Übergewicht eine Rolle. Gleichzeitig hat sich die Diagnostik deutlich verbessert und die flächendeckende Einführung des Mammografie-Screenings sorgte dafür, dass eine ganze Reihe von Tumoren entdeckt werden, die noch nicht tastbar sind.

Aber nochmal: Gibt es bestimmte Faktoren, die gerade den Brustkrebs begünstigen?

Grundsätzlich Belastung, Stress, schlechte oder falsche Ernährung, kein Sport, Übergewicht – alle diese Faktoren unserer Lebensgewohnheiten spielen eine Rolle. Außer den fünf bis zehn Prozent familiär bedingten Mammakarzinomen, wo eine genetische Komponente dahinter steht, können wir unseren Patientinnen leider nach wie vor nicht sagen, wie es im Einzelfall zu einer Erkrankung gekommen ist. Das ist das Tragische: Die meisten Patienten sagen, ich lebe gesund, bin normalgewichtig und bin regelmäßig zur Früherkennung gegangen und jetzt habe ich auf einmal einen Knoten in der Brust. Auch wenn sie gesund leben, können sie es nicht vollständig verhindern. Tumorbiologie ist kompliziert und wir wissen einfach noch zu wenig darüber.

Die Mammografie kann Leben retten, aber auch schaden und zu unnötigen Behandlungen führen. Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery will die Früherkennungs-Screenings auf den Prüfstand stellen. Wie stehen Sie dazu?

Früherkennung spielt bei der Brustkrebserkrankung eine Rolle. Wir müssen definitiv zur Kenntnis nehmen, dass durch das Mammografie-Screening der Anteil der entdeckten Tumoren, die kleiner als ein Zentimeter sind, auf über 35 Prozent erhöht worden ist. Es ist ein erheblicher Unterschied für eine Frau, ob sie einen kleinen Tumor entfernen müssen oder die Brust entfernt werden muss, weil der Tumor zu groß ist. Der Stellenwert der Mammografie in der Früherkennung ist unumstritten. Ob das Mammografie-Screening so wie es in Deutschland derzeit abläuft verbessert werden könnte ist sicherlich eine nicht unwichtige Frage.

Wie der Gesundheitsmonitor der Barmer GEK und der Bertelsmann-Stiftung zeigt, glauben 30 Prozent, dass die Mammografie vor Brustkrebs schützt. Woher kommt dieser Irrglaube?

Ich glaube, dass niemand je gesagt hat, dass eine Mammografie vor Brustkrebs schützt – weder der Gynäkologe, der die Frau zur Mammografie überweist, noch der Radiologe, der sie ausführt. Ich denke, so etwas entsteht aus einer anderen Situation heraus. Eine gesunde Frau, die regelmäßig jährlich zum Frauenarzt geht, keine Beschwerden hat, geht zur Routineuntersuchung und erhält plötzlich die Diagnose Brustkrebs. Und man kann es nicht glauben, weil es einem gut geht, keine Schmerzen da sind. Man wird von der Diagnose überrollt. Ich glaube nicht, dass jemand, dass eine Mammografie vor einer Brustkrebserkrankung schützt, man ist so enttäuscht, dass sie den Befund nicht verhindern konnte.

Die Sängerin Anastacia ist zweimal an Brustkrebs erkrankt. Sie entschied sich zu einer Brustamputation. Die Schauspielerin Angelina Jolie hat sich beide Brüste abnehmen lassen, weil sie an einem Gendefekt leidet, der Brustkrebs begünstigt. Beide sind sehr offen mit ihren Erkrankungen umgegangen. Prominente Beispiele die Mut machen?

Senologie ist die Lehre von der weiblichen Brust. Christine Solbach ist Ansprechpartner für die Patientin und Koordinatorin der Behandlung. Mit der Tomosynthese ist es an der Frankfurter Universitäts-Klinik möglich, eine Brust dreidimensional in unterschiedlichen Schichten darzustellen. Zudem ist eine Behandlung mit diesem Gerät nicht so schmerzhaft.Ich glaube, dass es hilft diese Thematik offen anzusprechen. Frauen sehen, sie sind nicht alleine und sie sehen, es betrifft attraktive, berühmte und jüngere Frauen, und die leben ihr Leben weiter trotz der Diagnose. Das kann wirklich Mut machen. Trotzdem ist man mit der Diagnose alleine und man muss damit und mit seiner Angst erstmal klarkommen. Das ist leicht gesagt. Wir haben immer komplexere soziale Situationen. Alleinerziehende Mütter, die vor finanzielle und organisatorische Probleme gestellt sind, weil sie ihre Situation nicht alleine stemmen können. Trotzdem glaube ich, dass diese prominenten Frauen Mut machen können.

In Frankfurt steht ihnen das Mammografiegerät des Typs Tomosynthese  zur Verfügung. Wird sie die herkömmliche Mammografie überflüssig machen?

Zum jetzigen Zeitpunkt wird sie weder das Screening noch die klassische Mammografie ersetzen. Sie ist ein ergänzendes Verfahren, welches uns möglicherweise zusätzliche Informationen bietet, etwa bei der Beurteilung einer sehr dichten Brust oder bei dem Verdacht auf mehrere Befunde, weil es sich um ein Verfahren handelt, in dem die Brust in unterschiedlichen Schichten dargestellt wird.

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