Ein Briefkasten gibt Gas

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Eine Innovation auf Rädern: Jeden Werktag ab 17 Uhr holt Wolfgang Bieger (links) Briefe von privaten oder gewerblichen Kunden ab.

Hofheim – Er ist überdacht, hat eine Sitzheizung, zwei Räder und bringt es auf über 100 Stundenkilometer: Seit Anfang September steht auf dem Chinonplatz in Hofheim Deutschlands erster und einziger mobiler Briefkasten. Von Dirk Beutel

Seit Juni betreibt Wolfgang Bieger in seinem Modelleisenbahn-Fachgeschäft zusätzlich eine Postannahmestelle. Deshalb kam ihm die Klage älterer Menschen zu Ohren, die sich immer öfter über fehlende Briefkästen in Hofheim beschwert hatten. Ein Problem, das ihm nicht mehr aus dem Kopf ging. Als er eines Abends in der Badewanne entspannte, kam Bieger eine Idee, wie er den Service der Post für die briefeschreibende Kundschaft optimieren könnte. Da kam ihm sein kürzlich gekaufter BMW C1 Motorroller in den Sinn: „Der hat doch eine gelbe Schnauze und die Gepäckkiste sieht doch sowieso schon aus wie eine Briefbox. Warum mache ich aus dem Roller nicht einen echten mobilen Briefkasten“, fragte sich der gelernte Jurist.

1200 Euro in Umbau und Post-Farbe investiert

Aber nicht irgendeine Box mit einem Schlitz, sondern ein offizieller, von der Deutschen Post genehmigter Briefkasten sollte es sein. Die Verantwortlichen der Post zeigten sich sofort kooperativ – allerdings hatte niemand mit der Dynamik gerechnet, die diese Idee entwickeln könnte. Also lieferte die Post einen Originaldeckel mit Leerungszeiten und Schlitz. Zusätzlich wurde der Roller mit dem genormten HKS4-Postgelb neu lackiert – inklusive Posthorn versteht sich. Gemeinsam mit seinem langjährigen Mitarbeiter Eugen Krey und Wilfried Ilse, der kaputte Modelleisenbahnen repariert, tüftelte Wolfgang Bieger etwa eine Woche an der Karosserie des Rollers, um die Gepäckbox in einen echten Briefkasten umzufunktionieren. Aber nicht nur Zeit investierte Bieger in den Roller: Umbau und Lackierung kosteten ihn etwa 1200 Euro.

Briefmarke mit rollendem Briefkasten

Zwischen 40 und 60 Briefe landen inzwischen jeden Tag in Biegers Briefkasten, der von 7.30 bis 17 Uhr auf dem Hofheimer Chinonplatz geparkt ist. Danach setzt sich Bieger hinters Steuer und fährt Kunden an, die sich telefonisch bei ihm gemeldet haben. Aber die eigentliche Zielgruppe, nämlich Menschen, die nicht gut zu Fuß sind, nutzen seinen Service bislang kaum. „Vielleicht herrscht da noch eine gewisse Schwellenangst“, vermutet der 58-Jährige. Auch einige Betriebe nutzen bereits die Dienste des Briefeabholers. Und es sollen noch mehr werden: „Wir haben Kapazitäten ohne Ende“, sagt Bieger. Allerdings rentiert sich der Service noch nicht, gibt Bieger offen zu. Aber: „Für Werbung in eigener Sache ist der Gag unschlagbar.“

Selbst die Hofheimer Briefmarkenfreunde unterstützen die Initiative und produzieren derzeit eine Briefmarke mit dem rollenden Briefkasten, die zu 45 oder 55 Cent erworben werden kann. Auflage: 3000 Exemplare. Vorgestellt wird sie am Sonntag, 30. Oktober, beim 88. Main-Taunus-Großtauschtag in der Hofheimer Stadthalle.

Übrigens: Der Briefkasten wird auch samstags um 12.30 Uhr geleert. Nur sonntags ist Ruhetag. Wer den Service nutzen möchte, wählt (06192) 5225.

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