Bratwurstfett statt Bilanzanalysen

+
Currywurst statt Megadeals: Früher hat Worschtbörsen-Besitzer Thomas Brauße Millionengeschäfte abgewickelt. Jetzt betreibt er seine Imbissbude im Schatten des Messeturms. 

Frankfurt – Anne Will hat ihn schon interviewt. Bei Thomas Gottschalk hat er schon auf der Couch gesessen. Die Geschichte von Thomas Brauße ist aber auch filmreif: In der Finanzkrise verliert der Banker seinen Job. In seiner Not eröffnet er eine Imbissbude und brät jetzt Würstchen, gleich hinter seinem alten Arbeitsplatz. Von Mareike Palmy

Im Schatten des Messeturms steht der silber glänzende alte Linienbus, den Thomas Brauße zu einer Imbissbude umgebaut hat. Umgeben von Baustellen und Bürobauten der ideale Platz für eine Imbissbude.

Die Frankfurter Worschtbörse in der Osloer Straße.

Statt Dollarzeichen, hat der 45-jährige Flöhrsheimer jetzt jeden Tag Bratenfett in den Augen. Nach dem Motto: Not macht erfinderisch, gründete der ehemalige Abteilungsleiter eines amerikanischen Wertpapierbrokers 2009 die „ Frankfurter Worschtbörse “ in der Olsoer Straße. Nach seinem Rauswurf kurz vor Weihnachten stand er vor dem Nichts:

Currywurst statt Milliardendeals

„Ich war wie vor den Kopf getreten. Es hat einige Zeit gebraucht, das zu verkraften“, so der Ex-Banker.

Jetzt handelt Thomas Brauße mit Wurstwaren, statt mit millionenschweren Beträgen: „Das Leben ist so viel realer. Weil die Arbeit als Finanz-Abwickler sehr abstrakt ist, will heißen, man hat Wertpapiere nicht so physisch bewegt, wie man eine Wurst raus gibt und einen Euro einnimmt“, erklärt der glatzköpfige Hüne. „Bei 100 Millionen ist der Druck ganz klar größer als bei 2,70 Euro für ‘ne Wurst“.

Täglich steht Thomas Brauße hinter seinem Würstchengrill.

Für die Ex-Kollegen in den Anzügen hat er seine Bude nobler als die Durchschnittsfrittenbude ausgestattet – alles blitzt in Chrom und Stahl. Manchmal laufen auch alte Kollege vorbei, oft ohne zu grüßen. Viele jedoch bewundern Thomas Brauße für seinen Mut. Er selbst habe kein Problem mit dem neuen Job. „Wenn mein Geschäftsplan aufgeht, brate ich für den Rest meines Lebens Würste“, erklärt er zufrieden.

Frankfurts kuriosester Jobwechsel

Braußes Gehalt lag in seinem alten Job im sechsstelligen Bereich, sagt er. Wie man mit Zahlen würfelt, wusste er, doch Ahnung vom Würstchenbraten hatte der Ex-Banker keine. „Ein Würstchen braten, kann jeder lernen“, meint er. „Die Logistik ist schon schwieriger.“ Mittlerweile fühlt sich Brauße wohl in seiner neuen Rolle, sagt er. Ein echter Banker sei er nie gewesen.

Statt im gebügelten Hemd, kommt er jetzt in Jeans zur Arbeit. Fast täglich steht er hinter seinem Grill, plaudert mit Gästen, fährt einkaufen und macht die Abrechnung.

Jetzt ist er glücklich mit seinem neuen Job

Mit Finanzabwicklung hat er jetzt nichts mehr am Hut. Bei ihm dreht sich alles nur noch um die Wurst. „Ich bin zufriedener als früher“, sagt er, „weil ich mich mehr mit meinem Job identifizieren kann.“ Dank Mut und Stehvermögen ist er heute sein eigener Herr. Vom Investment-Banker zum Würstchenverkäufer – mit diesem Schritt hat Thomas Brauße es geschafft, der Arbeitslosigkeit zu entkommen. In Sichtweite vom Bürohochhaus, wo er früher mit Millionen jonglierte, grillt er heute Currywürste. Geblieben aus seinem früheren Leben ist ihm nur der Weg zur Arbeit.

Kommentare