Börsenmakler Dirk Müller über Aktienanlagen

„Wer Rendite will, muss sich an Unternehmen beteiligen“

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Wer sich nicht an der Wirtschaft beteiligt, muss damit leben, dass sein Geld wertloser wird, sagt Mister DAX, Dirk Müller.

Die EZB öffnet die Geldschleusen, fährt aber weiter eine Niedrigzinspolitik. Mister DAX, Dirk Müller, erklärt, ob die Strategie der Notenbank  Erfolg verspricht und auf welche Anlage man setzen sollte.Von Dirk Beutel 

 Was ist momentan in der Finanzwelt los? Energie ist so günstig wie lange nicht, und der DAX wanderte von einem Höhenflug zum nächsten. Steuern wir auf eine Blase zu?

Ich glaube, man kann sagen, dass wir hier auf eine Blasenbildung zusteuern. Was die Bewertung angeht, ist das immer eine Frage der Betrachtung. Betrachtet man es im Vergleich mit anderen Anlageformen, kommt man an der Aktie kaum vorbei, da ist es natürlich das einzige wo man halbwegs investieren kann. Das tun die Anleger ja auch. Schaut man sich das im historischen Vergleich an, dann fällt es schon schwer, momentan günstige Aktien zu finden. Mit ein bisschen Glück findet man ein paar fair bewertete, aber jede Menge, die einfach viel zu teuer sind.

Wird der Sturm auf Aktien weiter anhalten? Was ist nach oben hin noch alles möglich?

Aktuell macht die Notenbank alles, um genau das zu provozieren. Man kauft den Anlegern Anleihen ab, zu höchsten Kursen, zu null Prozent Zinsen, und dafür bekommen sie frisch gedrucktes Geld. Aber was sollen sie damit machen? Anleihen bringen nichts mehr, also muss das Geld irgendwo anders hin. Die Europäische Zentralbank (EZB) hätte gerne, dass man das ausleiht, das die Banken das weitergeben an die Investoren in Südeuropa, beziehungsweise an die, die dort etwas aufbauen würden, aber das machen die Banken nicht. Weil dort niemand ist, der das Geld aufnehmen kann. Die, die arbeitslos sind, bekommen keinen Kredit, die, denen man das Gehalt um 20 Prozent gekürzt hat, sind auch nicht bonitätsstark genug. Unternehmen, denen das Wasser bis zum Hals steht, wird man keinen Kredit geben und die starken Unternehmen brauchen kein Geld, weil sie ihre Waren jetzt schon nicht loswerden. Die müssen keine neuen Maschinen kaufen. Was bleibt mit dem vielen Geld der Notenbank zu tun? Die Investoren gehen in Aktien, Immobilien, obwohl sie sehen, dass das zu teuer ist, mit der Konsequenz einer Blasenbildung.

Die EZB hat massive Anleihekäufe beschlossen, 60 Milliarden werden in die Märkte gepumpt. Welche Nebenwirkungen sind damit verbunden?

Die EZB hatte in 2012 eine Bilanzsumme von drei Billionen Euro. Die hatte damals den Banken schon eine Billion günstig zur Verfügung gestellt. Das haben die Banken 2013 und 2014 wieder zurückbezahlt. Das heißt, die Notenbankbilanz ist wieder auf zwei Billionen geschrumpft, und das, was die EZB jetzt macht, ist nichts anderes, als den Banken wieder dieses Geld aufzuzwängen, das ihnen schon 2012 aufgezwängt wurde. Nur damals haben sie es auf Kredit gemacht, jetzt macht man es, indem man ihnen die Anleihen abkauft und ihnen so das Geld aufdrängt, ohne ihnen jetzt die Möglichkeit zu geben, es wieder in Anleihen zu investieren.

War das ein Schritt, den die EZB machen musste?

Ja, der aber nichts bringen wird. Das was man angeblich vorhat, nämlich die Konjunktur anzuschieben, dass die Banken die Kredite in den südeuropäischen Raum vergeben, das hat 2012 nicht funktioniert, warum sollte es heute funktionieren? Was man bräuchte, und das wird vermutlich der nächste Schritt sein, den die EZB in den nächsten Monaten gehen wird: Sie wird nicht nur Anleihen kaufen, sie wird den Banken sagen: Wir kaufen euch auch diese Kredite ab. Vergebt die Darlehen an die Leute in Südeuropa, die es sich eigentlich nicht leisten können, und wenn´s schiefgeht verkauft uns die Kredite, dann haben die Banken keinen Schaden. Das aber würde wieder Fehlentwicklungen auslösen.

Wir haben die schleichende Entwertung beim Geldvermögen. Trotzdem legen die Deutschen konservativ an. Warum?

Man kann es nicht ändern. Man kann nur immer wieder gebetsmühlenartig sagen: Leute, es nutzt nichts, ihr müsst euch an Unternehmen beteiligen. Aber wer das nicht will, dann ist es halt so, muss damit leben, dass sein Geld wertloser wird. 5,2 Billionen Euro haben wir etwa an Geldvermögen  in privaten Haushalten in Deutschland. Das liegt auf den Tagesgeldern, Festgeldern und bei den Versicherungen. Die Deutschen geben fast all dieses Geld weiter auf Zinspapiere, nur gibt es keinen Zins mehr, und die Alternativen, uns an der Wirtschaft zu beteiligen, wollen viele nicht, also müssen wir damit leben.

Anlagen in Geldforderungen versprechen kaum mehr Renditen. Gold oder Aktien – welche Anlage hat das beste Chance-Risiko-Verhältnis?

Bei den Edelmetallen ist es so, dass die keine Erträge bringen. Da geht es aber auch darum, etwas in seinem Besitz zu haben, was nie wertlos wird, egal was die Zukunft bringt. Bei Aktien ist es so: Wenn man langfristig eine Altersvorsorge  aufbauen möchte, kommt man um die nicht herum. Da sollte man jeden Monat regelmäßig in gute Unternehmen investieren auf viele Jahre hin – Minimum fünf Jahre, eher zehn. Mit Qualitätsaktien kann man da fast nichts falsch machen.

Wie lange wird es noch die Ultra-Niedrigzinspolitik geben?

Sie wird so lange dauern, so lange wir diese Schuldenberge haben. Entweder kriegen wir den großen Knall mit Geldentwertung und allem drum und dran, oder wir werden diese Niedrigzinsen auf viele viele Jahre haben. Japan, Amerika, Europa, die haben alle so hohe Schulden, die können es sich nicht leisten, die Zinsen zu erhöhen. Vielleicht kosmetisch um ein Prozent, aber dass wir Leitzinssätze von fünf Prozent oder mehr haben, das können wir in dieser Situation abhaken.

Wie lässt sich vor diesem Hintergrund am besten für Kinder vorsorgen?

Wenn ein Kind auf die Welt kommt, hat man mindestens 18 Jahre Zeit. Ich mache es genauso und investiere jeden Monat für meinen Sohn in Aktien. Sich an Unternehmen beteiligen, die in den vergangenen zehn Jahren erfolgreich waren, von denen man annehmen kann, dass sie das weiterhin sein werden, macht immer Sinn.

Ob Schuldenschnitt oder Rückkehr zur Drachme  - Welchen Einfluss wird die neue griechische Regierung, die offensichtlich einen Anti-Europa-Kurs ansteuert, auf den europäischen Finanzmarkt haben? 

Ich weiß gar nicht, ob Griechenland einen Anti-Europa-Kurs fährt. Ich glaube, es fährt einen Kurs gegen die europäische Politik der vergangenen Jahre. Denn das was wir in der Wirtschafts- und Finanzpolitik Europas in den vergangenen Jahren gemacht haben, ist Anti-Europa-Politik. Das hilft nicht Europa zusammen zu führen, sondern es treibt dadurch auseinander. Das was in Griechenland passiert, war übrigens absehbar. Das habe ich 2011 schon angekündigt. Dieses Hineinsparen in die Krise wird zu einem Zusammenbruch der Wirtschaft führen, zu Massenarbeitslosigkeit, Radikalisierung der Bevölkerung, egal ob links oder rechts. Und die werden die Schulden nicht zurückzahlen. Das ist Veruntreuung von Steuerzahlergeldern. Damals wurde das alles als Schwarzmalerei abgetan. Dazu kommt, dass der Euro, so wie er konzipiert ist, nicht funktionieren kann. Völlig unterschiedliche Wirtschaftssysteme mit dramatisch unterschiedlichen Geschwindigkeiten und alle mit einer gemeinsamen Währung kann nicht klappen, wenn wir nicht bereit sind, extrem hohe Transferzahlungen  zu leisten. Dazu sind wir nicht bereit also brauchen wir andere Mechanismen und dazu ist wiederum die Politik nicht bereit.

Auch der Russland-Ukraine-Konflikt hält die Börse weiter in Atem. Wieviel Sprengstoff steckt da drin.

Extrem viel, mit der Griechenlandproblematik herrscht eine Gefahr für das politische Europa und dessen wirtschaftliche Themen. Die Ukraine-Entwicklung sehe ich als große Gefahr für den Frieden in Europa, denn hier kommen ganz aggressive Interessen aufeinander. Es ist naiv zu glauben, dass es hier um das Stimmrecht der ukrainischen Bevölkerung geht. Es geht um zwei Machtblöcke, um die USA und Russland, die beide ihre geostrategischen Machtinteressen  aufeinanderknallen lassen. Das war schon in den vergangenen Jahren zu sehen, indem sich die Nato  in die ehemaligen Ostblockstaaten ausgedehnt hat, gab es immer wieder Reibungen. Und die Ukraine ist ein ganz wichtiger Stein auf dem eurasischen Schachbrett, das entscheidet sich geostrategisch sehr sehr viel und dabei wird an den Armen der ukrainischen Bevölkerung gezogen, in unserem europäischen Vorgarten sozusagen. Das ist eine ausgesprochen gefährliche Entwicklung und wir lassen uns da stark instrumentalisieren. Das was in der Ukraine momentan passiert, ist nicht im europäischen, nicht im deutschen Interesse. Ein Zusammenbruch Russlands erst recht nicht, das ist einer unserer wichtigsten Handelspartner. Da sehen wir direkte Auswirkungen auf unsere Exporte, unsere Arbeitsplätze und unsere Sicherheitslage. Dafür baut Russland die Achse mit China und Iran aus.       

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