Mal blindlings in den Supermarkt

Von Norman KörtgeOffenbach - Ich bin blind. Die Brille, die ich mir aufgesetzt habe, lässt keinen Lichtschimmer durch. Was bleibt ist das Gehör und der weiße Langstock, den mir Regina Löw in die Hand drückt. Jetzt kann es losgehen zum Supermarkt.

Dass viele Menschen blindlings zum Einkaufen gehen ist nix neues. Aber wie ist es, wenn man wirklich blind ist?

Die Wohnung von Regina Löw in der Kantstraße unterscheidet sich von der anderer Offenbacher auf den ersten Blick nicht. Wären da nicht die sprechenden Geräte. Die Personenwaage grüßt mit einem Guten Tag, sagt das Gewicht an und verabschiedet sich wieder. Die Küchenwaage erzählt, wie viel Gramm Mehl sie gerade trägt. Wenn die 51-Jährige wissen will, wie viel Uhr es ist, drückt sie auf die Armbanduhr und eine Stimme ertönt. Auch ihr Handy spricht, genauso wie der Computer.

"Es gibt viele Hilfsmittel für Blinde oder Sehbehinderte. Ich begnüge mich mit den notwendigsten", sagt Löw. Sie hat noch nie gut gesehen. Aber erst mit elf Jahren stellte ein Arzt fest, dass ihre Makular - ein Teil des Auges - stark beschädigt ist. "Meine Mutter hat während der Schwangerschaft Contergan genommen. Daher rührt wohl der Defekt", berichtet sie. Die Sehleistung insgesamt beträgt nur zwei Prozent.

Dennoch lebt sie eigenständig. Dank der Hilfsmittel. "Das alles ist nicht gerade billig. Alleine das Handy-Sprachprogramm kostete 270 Euro", erzählt Löw. Umso wichtiger sei das staatliche Blindengeld von monatlich 585 Euro. Taxischeine - eine freiwillige Leistung der Stadt Offenbach - erleichtern die Mobilität. "Generell muss man sagen, dass Offenbach Blinde gut unterstützt", lobt Löw.

Um Lebensmittel zu kaufen, benötigt sie allerdings kein Taxi. Das macht sie zu Fuß. Und ich gehe mit. Mit dabei ist noch "Simba", der neunjährige Labrador von Löw, ihr Blindenhund. Und dann ist da noch Anton Fröhlich. Der einzige, der bei dieser Einkaufstour neben "Simba" sehen kann. Eine reine Vorsichtsmaßnahme. "Ich kann nicht auf uns beide aufpassen", sagt sie und lacht.

Los gehtâ??s. Löw gibt die Richtung vor. Behutsam taste ich mich mit dem Langstock vor. Lasse ihn immer wieder gegen die rechts liegenden Häuserwände und Gartenzäune stoßen. Plötzlich reißt dieser Kontakt ab. Der Stock schwingt ins Leere. Verdutzt bleibe ich stehen. Was nun? "Ist nur ein Hauseingang", beruhigt Fröhlich. Ich laufe weiter. Dann ertaste ich einen Absatz, die Bordsteinkante. Ich lausche, höre aber kein Auto. Also taste ich mich über die Straße bis ich auf die gegenüberliegende Bordsteinkante stoße. Wieder auf dem Bürgersteig geht es noch ein paar Meter weiter bis zum Supermarkt.

"Das gemeinste ist, wenn Regale oder Artikel umgestellt werden", sagt Löw. Ich will Bananen, Toast-Brot und Duschgel. "Immer geradeaus", sagt Löw: "Zweite Reihe." Langsam taste ich mich vor und schaffe es bis zur Obsttheke. Ich ergreife Bananen. Zu grüne Bananen mag ich nicht. "Dann muss man fühlen. Grüne Bananen sind hart, gelbe weicher", rät Löw. Logisch, aber als normalerweise sehender Mensch kommt man nicht gleich drauf.

So geht es weiter. Das Toast-Brot wird erfühlt, und beim Duschgel ist die Marktleiterin zur Stelle. Sie öffnet Duschgels und ich schnuppere dran. "Die Leute hier sind immer hilfsbereit", sagt Löw.

Dann zur Kasse. 5,29 Euro. Ich gebe einen Schein. Keine Ahnung welchen. Anhand des Rückgeldes schätze ich, dass es ein Zehn-Euro-Schein war.

Zurück geht es in die Wohnung. Fast routiniert bewege ich mich voran. Aber plötzlich, mitten auf dem Bürgersteig, stößt mein Stock gegen etwas. Ein metallenes Geräusch. Hinzu kommt Baulärm. Und dann rennen auch noch zwei kleine Kinder an mir vorbei. Autos fahren. Mein Herz schlägt schneller. Ich bin jetzt komplett verwirrt. Selten habe ich mich so hilflos gefühlt. Fröhlich klärt mich auf: "Der Bürgersteig ist gesperrt. Baustelle."

"In so einer Situation geht bei mir auch der Puls hoch. Da nützen meine geschärften Sinne auch nicht viel und ich muss mich ganz auf "Simba" verlassen", erzählt Löw. Dies sei das Schicksal der Sehbehinderten und Blinden.

Mir jedenfalls wurden die Augen für die Probleme der Blinden geöffnet.

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