Krise ebbt ab, Krankenstand steigt

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Nicht jeder geht mit einem kleinen Schnupfen ins Büro. Die Krankmeldungen in der Region steigen wieder, seit die Arbeitsplätze sicherer scheinen.

Region Rhein-Main – Die Krise ebbt ab. Die hiesige Konjunktur zieht wieder an, die Arbeitsplätze erscheinen sicherer. Zeitgleich melden sich Arbeitnehmer wieder häufiger krank. Neuer Spitzenstand, legt man die Zahlen der AOK Hessen zu Grunde: Etwa fünf Millionen Arbeitstage waren die Beschäftigten der Region im vergangenen Jahr krank. Tendenz steigend. Die Unternehmen kostet das Unsummen. Steigt mit dem Aufschwung jetzt die Zahl der Blaumacher? Oder haben sich während der Krise viele aus Angst krank zur Arbeit geschleppt? Von Christian Reinartz

Hinter vor gehaltener Hand sind sich Experten aus dem Rhein-Main-Gebiet einig: Die Tendenz, dass Arbeitnehmer schneller mal krank machen, wenn der Job sicherer erscheint, sei klar erkennbar. Deswegen werten Fachleute einen steigenden Krankenstand schon immer als Indiz für eine anziehende Konjunktur. Die aktuellen Zahlen der Allgemeinen Ortskrankenkassen in Hessen sprechen für sich. Allein im Regierungsbezirk Darmstadt ist demnach der Krankenstand von ehemals 4,9 Prozent im Jahr 2006 auf aktuell 5,4 geklettert. Allein in Frankfurt, Stadt und Kreis Offenbach und dem AltkreisDieburg wurden im vergangenen Jahr 5 Millionen Arbeitstage gefehlt. Nur in Berlin, dem Saarland und Schleswig-Holstein sind die Steigerungsraten noch größer. Auch die Stichtagszahlen des Bundesgesundheitsministeriums vom Juni bestätigen den Trend.

Trend geht zum öfteren "Krankfeiern"

Die Beteiligten versuchen sich in alternativen Erklärungsversuchen. Werner Scherer, Geschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, will nur von einem „Teilzusammenhang“ sprechen. Er sieht den Grund für die steigenden Ausfälle vor allem in einer veränderten Altersstruktur in den Betrieben: „Mit viel Mühe haben wir unseren Unternehmern klar gemacht, dass wir auch ältere Beschäftigte halten müssen. Aber die werden auch häufiger krank. Das erklärt die Fehlzeiten.“

Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen immer mehr

Die Krankenkassen, die durch die steigenden Ausfälle mit horrenden kosten zu kämpfen haben, präsentieren ebenfalls Erklärungsmodelle. So etwa Denise Jacoby, Pressesprecherin der Techniker Krankenkasse Hessen: „Die Anforderungen in der Arbeitswelt sind aufgrund der modernen Kommunikationsmittel härter geworden. Dadurch verschwimmt auch Arbeit und Freizeit zunehmend. Das führt zu einer Zunahme von psychischen Erkrankungen und damit zu längeren Ausfallzeiten.“

Krankenstand in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern niedrig

Und auch die AOK selbst gibt sich zurückhaltend, was die Interpretation der Zahlen angeht. Dr. Wilfried Boroch, verantwortlich für die Unternehmenspolitik bei der AOK Hessen: „Die Steigerungsraten seit 2007 sind nicht auf einen einzelnen Faktor zurück zu führen. Auch sollte man diesen Anstieg nicht überbewerten, denn insgesamt ist der Krankenstand in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern niedrig.“

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