Bildungspaket: So werden arme Kinder diskriminiert

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Schreiben an der Tafel ist für ärmere Kinder seltener ein Problem. Die Möglichkeiten des Bildungspakets lassen sich schwieriger in der Praxis umsetzen.

Taunus – Kinder aus ärmeren Familien unterstützen, das wollte die ehemalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen mit dem Bildungspaket erreichen. Jetzt können Familien Unterstützungs-Anträge stellen. Aus der Praxis hagelt es jedoch harsche Kritik. Von Julia Renner

„Der Beratungsbedarf ist relativ hoch“, sagt Marcus Krüger. Er ist Koordinator im Sozialbüro Main-Taunus und berät täglich Menschen, die etwas vom Bildungspaket abbekommen wollen. Doch die Infos seien dürftig. Dass es 100 Euro jährlich für den Schulbedarf gibt, einen Zuschuss zum warmen Mittagessen in Schule oder Hort und dass Nachhilfe finanziert wird, wenn nötig, wissen die wenigsten.

Dass das Problem Kinderarmut von der Bundesregierung überhaupt wahrgenommen wird, empfindet Marcus Krüger schon als Fortschritt. Das ist aber auch das einzig Positive, was Krüger zum Bildungspaket zu sagen hat. Vor allem einen Punkt kritisiert er vehement.

Zehn Euro für die Freizeit

Damit Kinder und Jugendliche in der Freizeit nicht ausgegrenzt werden, gibt es einen monatlichen Betrag, um in Sportvereinen mitzumachen und kulturelle Angebote zu nutzen. Und dieser Betrag liegt bei zehn Euro. „Das ist lächerlich“, sagt Marcus Krüger. Dass dieses Geld vom Sportverein beim Sozialamt in Rechnung gestellt werde, sei „in der Praxis völlig unrealistisch“. Auch findet Krüger es „diskriminierend“, dass sich Kinder aus ärmeren Familien in Vereinen als solche outen müssen, um überhaupt für wenig Geld mitmachen zu dürfen. Der Koordinator des Sozialbüros sieht darin auch eine Verletzung des Datenschutzes. Er weiß: „Erste Klagen laufen deshalb bereits.“

Beim Hochtaunuskreis sind bereits 379 Anträge eingegangen, 4415 Berechtigte gibt es insgesamt. Etwa 800 Berechtigte haben bereits beim Main-Taunus-Kreis einen Antrag gestellt. Rund 4000 wären insgesamt berechtigt. „Täglich kommen neue Anträge dazu“, sagt Frank Neugebauer, stellvertretender Leiter des Amtes für Arbeit und Soziales beim Main-Taunus-Kreis.

Für seine Mitarbeiter und ihn bedeutet das in erster Linie mehr Arbeit. Denn:„Ohne Antrag gibt es nichts.“ Oft müssten noch diverse Bescheide angefordert werden, um Anträge zu bewilligen.

Der Grundgedanke des Bildungspakets ist nicht schlecht“, sagt Neugebauer. Aber der Staat sollte es zulassen, dass das Geld direkt an die Eltern überwiesen wird, findet Neugebauer. Das müssen die bisher nämlich erst auslegen.

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