Bei der Bildung wird gemogelt

Experten: 400 „Deutschlernklassen“ für Flüchtlingskinder reichen nicht

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Sobald Flüchtlingskinder an einem festen Wohnort leben, gilt auch für sie die Schulpflicht.

Region Rhein-Main – Flüchtlingskinder haben ein Recht auf Bildung. Diese Schulpflicht stellt Land und Kommunen vor große Herausforderungen. Dabei werden Fehler gemacht, die sich später rächen, sagt Enis Gülegen, der Vorsitzende der hessischen Ausländerbeiräte. Von Oliver Haas

Die Flüchtlingskrise macht auch vor den Schultüren nicht Halt. Sobald ein Flüchtlingskind einer Kommune zugewiesen wurde, also einen festen Wohnsitz hat, muss und darf es zur Schule gehen. Zunächst sollen diese Kinder in sogenannten Intensivklassen Deutsch lernen. Das Kultusministerium hat die Anzahl dieser Klassen von 300 auf 400 erhöht, damit der Ansturm der geschätzten künftigen 6000 schulpflichten Flüchtlingskinder gestemmt werden kann. Doch die Maßnahme sehen Bildungsexperten als Mogelpackung. Enis Gülegen, der Vorsitzende der hessischen Ausländerbeiräte, unterrichtet selbst in einer Intensivklasse an der Frankfurter Sophienschule: „Die Anzahl der Intensivklassen reicht bei weitem nicht aus. Hundert neue Klassen wurden nur geschaffen, weil man die Stundenzahl von 28 auf 22 reduziert und die Mindestzahl der Schüler von 15 auf 19 erhöht hat.“ Auch die Lehrergewerkschaft GEW kritisiert die Beschlüsse des Kultusministeriums.

Schlecht ausgebildete Schüler kosten später viel Geld

Hessen sei nicht ansatzweise auf den Zuzug der Flüchtlingskinder vorbereitet, heißt es. 500 Lehrer müssten eingestellt werden. Alleine im Main-Taunus-Kreis gibt es laut staatlichem Schulamt nur 18 Intensivklassen. Gülegen kritisiert zudem, dass nur eine dieser Klassen an einem Gymnasium angesiedelt ist. Ein gesteuertes Sprachelernen für die Flüchtlingskinder sei aber wichtig und es sei fatal für die Sprachentwicklung, wenn schlechtes Deutsch „auf der Straße gelernt wird“, sagt Gülegen. Und er blickt in die Zukunft: „Statistisch bleiben 80 Prozent der Asylsuchenden dauerhaft hier. „Jetzt zu sparen ist ein Fehler. In ein paar Jahren werden schlecht ausgebildete Schüler den Staat viel Geld kosten“, rechnet Gülegen vor.

Bildungsangebote werden dankend angenommen

Dabei wissen Flüchtlinge das Recht auf Bildung zu schätzen. Karin Scholl, Integrationsbeauftragte aus Dreieich, sagt, dass die Eltern der 35 Kinder, die in Intensivklassen untergebracht sind, viel Wert auf die Bildung ihrer Kinder legen und die Angebote dankend angenommen werden. Die Situation in Dreieich zeigt aber auch die Planungsschwierigkeit, in der sich die Schulen durch die sich überschlagenden Ereignisse in der Flüchtlingskrise befinden. „Bislang konnten wir jedes Kind in den Klassen unterbringen“, so Scholl. Dreieich hat noch 51 Plätze für Asylsuchende frei, die in den kommenden Monaten sicherlich in Anspruch genommen werden. „Wir wissen aber noch nicht, wieviele davon als schulpflichtige Kinder kommen.“

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