Neue Genration

Obdachlose heute: Gepflegt und jünger

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  Das typische Bild eines ungepflegten Obdachlosen ist heute nicht mehr aktuell.

Frankfurt – Draußen regnet es in Strömen. Richard trägt eine dicke Winterjacke. Die Regentropfen perlen an dem schwarzen Stoff ab. Seine Turnschuhe sehen aus wie neu. Er wirkt gepflegt. Nur rasiert ist er nicht. Und er hat kein Zuhause. Von Angelika Pöppel

Sozialarbeiter Matthias Roth.

Richard (Name geändert) sitzt auf einem Stuhl im Tagestreff des Diakoniezentrums der evangelischen Kirche im Bahnhofsviertel. Das schlechte Wetter hat viele Obdachlose in den Gemeinschaftsraum getrieben. „Im Winter bleiben die Wohnungslosen meist den ganzen Tag bei uns“, sagt Sozialarbeiter Matthias Roth vom Tagestreff. Doch wenn so viele unterschiedliche Menschen auf einem Haufen zusammen kommen, liege die Anspannung förmlich in der Luft. Oft komme es deshalb zu Auseinandersetzungen, sagt Roth.

Sie haben zwar keine Wohnung, doch ansehen tut man ihnen das nicht: „Obdachlose laufen nicht zwangsläufig verlumpt und dreckig herum. Sie mischen sich heute ganz unauffällig unter die Leute“, sagt Renate Lutz, Leiterin des Weser 5. Wie der Tagestreff gehören zum Weser 5 auch Notunterkünfte und ein Übergangswohnhaus. „Im Winter fragen viel mehr Hilfsbedürftige nach einer Schlafmöglichkeit“, sagt die Leiterin.

Die Übernachtungsmöglichkeiten der Einrichtung wurden saniert und am Mittwoch offiziell eröffnet. Ab sofort stehen dort 39 Appartementwohnungen mit eigenem Duschbad und Küchenzeile zur Verfügung. „Es geht dabei um Wertigkeit. Auch diese Menschen haben ein Recht darauf, vernünftig unterzukommen“, sagt Lutz. Beim Umbau der Gemeinschaftsräume, die vorher „Heimcharakter“ hatten, sind keine Schlafräume verloren gegangen. Das wäre auch fatal, denn: „Seit dem vergangenen Winter reicht das Übernachtungs-Angebot in Frankfurt nicht mehr aus, obwohl es zahlreiche Einrichtungen gibt.“ Ein Grund dafür sei die Osterweiterung. Noch vor fünf Jahren sei der Ausländeranteil gering gewesen, heute haben 60 Prozent in der Beratungsstelle einen Migrationshintergrund. „Viele hoffen hier auf ein besseres Leben, doch nicht allen gelingt es“, sagt Lutz. Auch seien die Betreuten immer jünger. „Kontinuierlich kommen jedes Jahr mehr Jugendliche zu uns“, sagt die Leiterin. Sozialarbeiter Roth sieht den Grund darin in der Politik: „Das Amt unterstützt Jugendliche bis 25 Jahren, die Gewalt oder psychischen Stress in ihrer Familie erleiden, nicht mehr mit einer Wohnung.“ Und Lutz fügt hinzu: „Was sollen sie denn machen?“

Die Obdachlosigkeit kann jeden treffen. Heute sind unter ihnen viele Arbeitslose, die ihren Job verloren haben oder keinen finden. Eines haben sie gemeinsam: Sie wollen nicht sofort als obdachlos erkannt werden. Und das Diakoniezentrum hilft ihnen dabei mit Duschen und Klamotten. Das Bild des verwirrten und zerzausten Obdachlosen auf der Straße sei überholt, sagt Roth.

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