Warum im Job nicht immer Leistung zählt

„Gut aussehende Menschen werden im Job bevorzugt“

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Frauen in Führungspositionen sind selten. Schuld sind festgefahrene Rollenbilder und Klischees. Das sagt die Betriebswirtschaftlerin Isabell Welpe. Die Professorin verrät, was sich deshalb ändern und welcher Spagat Frauen beim Karrieresprung gelingen muss, um erfolgreich zu sein.  Von Dirk Beutel 

Frau Welpe, müssen Frauen mehr gefördert werden, um Karriere zu machen?

Die Forschung zeigt, dass Menschen - Männer wie Frauen - zumindest nicht immer objektiv nach ihren Leistungen, Erfahrungen und Kompetenzen beurteilt werden. Wir alle behandeln zum Beispiel gut aussehende Menschen eher bevorzugt. Es sind gar nicht so sehr die Frauen, die gefördert werden müssen, vielmehr muss in den Unternehmen ein Umdenken beim Talentmanagement stattfinden. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Es ist in jedem Fall kein Selbstläufer, dass qualifiziertere Frauen sich in jedem Fall durchsetzen.

Selbst wenn Frauen genauso kompetent sind wie Männer, oder sogar kompetenter, werden sie anders bewertet. Warum ist das im Jahr 2014 immer noch so?

Wenn nicht alle Informationen über eine Person vorliegen, werden diese Wissenslücken gerne mit dem ergänzt, was in unseren Köpfen vorherrscht. Und das sind nunmal auch Klischees. Und die gibt es eben auch heute noch. Wissenschaftliche Experimente und Daten belegen das sehr schön. Übrigens: Auch nicht der am besten qualifizierte Mann setzt sich automatisch durch. Auch er muss den Klischees standhalten.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang überhaupt Karriere? Muss es immer gleich ein Posten im Aufsichtsrat sein?

Jeder versteht unter dem Begriff etwas anderes. Das ist sehr individuell. Allgemein würde ich sagen, dass man schon eher darunter versteht, dass man in einem Unternehmen aufsteigt, mehr Personalverantwortung erhält und eben höher entlohnt wird oder Einfluss nimmt auf die Welt. Das kann ja in ganz unterschiedlicher Form passieren.

Ab 2016 soll der Frauenanteil in den Aufsichtsräten von börsennotierten Unternehmen mindestens 30 Prozent betragen, und im öffentlichen Dienst sollen 30 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt werden. Ist eine Frauenquote tatsächlich nötig?

Unternehmen werden über Ziele gesteuert. Eine Quote alleine sehe ich kritisch, viel wichtiger wäre es, die Kultur in den Unternehmen so zu verändern, dass es keine Rolle mehr spielt, ob Frau oder Mann sich für einen Posten bewirbt. Soweit sind wir aber noch nicht überall.

Angesichts des immer stärker zunehmenden demografischen Wandels müssen Frauen sogar mehr Verantwortung übernehmen.

In der Tat. Man kann es sich nicht mehr lange leisten, auf Frauen zu verzichten. Deshalb müssen sich die Wahrnehmungen innerhalb der Wirtschaft und Gesellschaft auf lange Sicht hin ändern. Potenziale von Frauen und Männern müssen ohne den Einfluss von vorgefertigten Erwartungen beurteilt werden

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Die Wirtschaft argumentiert, dass man mit einer einheitlichen Quote ein Risiko eingeht. Ihr Argument: Es mangelt an geeigneten Frauen für gehobene Führungsaufgaben. Stimmt das?

Zumindest ein Teil der Wirtschaft argumentiert so. Das mag vielleicht bei den Stahlarbeitern so sein, aber es gibt so viele Fachfrauen, sei es im juristischen Bereich oder in der Betriebswirtschaft, die durchaus den Anforderungen einer Führungsposition gewachsen sind. Deshalb funktioniert dieses Argument auch nicht. Ich will allerdings auch nicht bestreiten, dass es in einigen Bereichen in der Tat Probleme geben mag.

Führungskräfte sollen durchsetzungsstark, dominant und hart sein. Während Frauen eher als freundlich und sozial gelten. Aber das sind doch nur Klischees, oder?

Das ist insofern eine gute Frage, weil sie zeigt, das bestimmte Klischees in der Berufswelt eben doch noch vorherrschen. Eine Führungsrolle ist eben nur eine Rolle. Und in ihr kann eine Frau genauso durchsetzungsfähig und hart sein, wie ein Mann. Das Geschlecht ist nicht entscheidend und sagt nichts darüber aus, ob jemand besser geeignet ist, eine Führungsposition zu übernehmen. Sie dürfen nicht vergessen: Schließlich haben wir auch eine Frau als Bundeskanzler. Das Problem steckt eben auch in den Rollenerwartungen. Der gängige Stereotyp einer Frau passt eben nicht in die Schablone einer Führungsposition, wodurch deren Potenzial geringer eingeschätzt wird. Wenn eine Frau auf der Arbeit fröhlich daherkommt, wird ihr beispielsweise weniger zugetraut, dass sie Verantwortung übernehmen kann. Auf der anderen Seite kann man sich nicht vorstellen, dass Karrierefrauen gleichzeitig sympathisch und warmherzig sein können.

Konkret: Woran scheitern Karrierefrauen dann in der Praxis? Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist vor allem in großen Unternehmen längst geläufig.

Persönlich glaube ich nicht, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen schon überall geläufig ist. Bei der momentanen Generation von Frauen handelt es sich um Pionierinnen, die für andere Wege ebnen werden. Zurzeit gibt es einfach zu wenige Vorbilder, an denen Frauen sich orientieren können. In den Unternehmen müsste sich ein vorurteilsfreies Personalmanagement etablieren.

Anders gefragt: Was muss man mitbringen als Frau, um beruflich durchzustarten?

Die Leistung ist natürlich Grundvoraussetzung, die muss stimmen. Wenn man dann noch die richtigen Leute kennt, beliebt ist und etwas Glück hat, sollte der berufliche Aufstieg nicht allzu lange dauern. Allerdings müssen Frauen den Spagat hinbekommen, auf der einen Seite sympathisch und auf der anderen durchsetzungsstark zu sein. Das kann durchaus sehr anstrengend sein.

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