Wenn Kindheit zum Trauma wird

Missbrauchs-Opfer berichtet

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Solche Erlebnisse brennen sich ins Hirn von Jugendlichen ein und können später zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen

Region Rhein-Main - Sie durchleben ihr Leid immer wieder neu, bekommen Schweißausbrüche, Panik und eine furchtbare Angst. Genau wie Kriegsheimkehrer leiden viele Jugendliche an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Hilfe zu finden, ist aber fast unmöglich. Von Christian Reinartz 

Anne ist 23 und eigentlich eine ganz normale junge Frau aus Frankfurt. Nur wenn sie die Angst übermannt, dann übernehmen die grausamen Bilder ihrer Kindheit die Gewalt über sie. Dann beginnt Anne zu zittern, Angstschweiß bildet sich auf ihrem Gesicht. Ihr ganzer Körper schreit nach Flucht. Kein Wunder, denn die Bilder die sie sieht, zeigen ihren Vater, wie er betrunken ihre Mutter erwürgen will. „Das kriege ich nie mehr aus dem Kopf“, sagt Anne. „Überall war auch Blut.“

Wer also in seiner Kindheit oder Jugend körperliche oder sexualisierte Gewalt erlebt hat und unter den Folgen leidet, kann in der Verhaltenstherapieambulanz der Uni Frankfurt kostenlos und schnell Hilfe bekommen und an einer Behandlungs-Studie speziell für Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren teilnehmen.

Infos und Anmeldung unter (069) 798 23973 oder  (069) 798 23989.

Die mörderische Szene hat sich in ihr damaliges Kinderhirn eingebrannt und flammt seitdem immer wieder auf. Doch, als wenn das für eine Kinderseele nicht schon genug gewesen wäre: Anne vertraut sich in ihrer Not einem Bekannten an. Er ist Mitte zwanzig, sie elf. Der Mann nutzt ihre Situation aus und macht sich an das Mädchen ran, missbraucht sie. Ein halbes Jahr lang schlafen die beiden miteinander. „Ich habe damals gedacht, dass das normal ist“, sagt Anne. „Er hat mir das eingeredet.“ Später unterbinden ihre Eltern die unheilvolle Beziehung. „Richtig registriert, dass ich missbraucht worden bin, habe ich es aber erst mit 15“, sagt die junge Frau. Angezeigt hat sie den Mann bis heute nicht. Obwohl der immer noch hin und wieder den Kontakt zu ihr sucht.

Panik in Alltagssituationen

Die Folgen dieser Horror-Kindheit bekommt die 23-Jährige heute zu spüren. „Ich bin furchtbar schreckhaft. Wenn auf der Straße zum Beispiel jemand streitet, will ich sofort fliehen, weil ich denke, gleich wird jemand umgebracht“, erklärt Anne. „Ich habe dann Panik und will mich in Sicherheit bringen.“ Dazu plagen die junge Frau furchtbare Alpträume in denen sie den Missbrauch und die Gewaltszene zwischen ihren Eltern nochmals durchlebt.

Als sie sich Simone Matulis, Psychologin an der Ambulanz des Instituts für klinische Psychologie der Uni Frankfurt, anvertraut, ist für die klar: „Sie leidet gleich an zwei Traumata.“ Das Problem: Für Kinder gibt es sehr gute Behandlungsansätze. Für Erwachsene ebenso. „Nur für Jugendliche ist es schwierig“, sagt Matulis. „Sie brauchen aus beiden Bereichen etwas, damit es gut hilft.“ Doch wie genau diese Mischung aussehen muss, wird gerade von den Frankfurter Wissenschaftlern erforscht. Eine spezielle Studie für Jugendliche mit einer posttraumatischen Belastungsstörung soll in Zukunft die Behandlung weiter verbessern.

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