Wenn Mutti an der Stange tanzt

Beim Pole-Dance halten sich ganz normale Frauen fit und kämpfen mit Vorurteilen

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Region Rhein-Main - Pole-Dance ist sexy – wenn man die Anstrengung hinter den Bewegungen verbergen kann. Anfänger brauchen Durchhaltevermögen. Und den Mut, mit dem Popo zu wackeln. Von Franziska Jäger

Pole-Dance erfordert viel Kraft.

Schmerzverzerrte Gesichter in drei Metern Höhe. Das Quietschen nackter Haut, die über die Tanzstange rutscht. Pole-Dance bedeutet vor allem: Brandblasen, blaue Flecken, Schürfwunden. Der Weg zu geschmeidigen, sinnlichen Bewegungen an der Tanzstange ist hart. Doch er lohnt sich. Auch für Anfänger, die über keinen Astralkörper und heiße Disco-Moves verfügen. „Es tut echt weh“, sagen Sina und Michelle. Die Freundinnen haben den Sport während eines Junggesellinnenabschieds für sich entdeckt. Seit ein paar Wochen trainieren sie in der Pole-Dance-Schule von Nadin Vollhardt in Frankfurt. Hausfrau neben Studentin, Bäckerin neben Bänkerin plagen sich hier an der Stange. Frauen mit durchschnittlicher Figur, vielleicht auch ein paar Kilo zu viel auf den Hüften. Viele von ihnen bezeichnen sich als unsportlich.

Ehrgeiz und Hinternwackeln gehört dazu

Das sinnliche Tanzen zur Musik ist für alle reizvoller als die Monotonie des Fitnessstudios. Doch die Anstrengung, die hinter Pole-Dance steckt, sollten Anfänger nicht unterschätzen. „Das geht doch nur, wenn man richtig durchtrainiert ist“, klagt Tanja. Die zierliche junge Frau mit den kurzen blonden Haaren ist heute zum ersten Mal dabei. Mit aller Kraft versucht sie, sich an der Stange hochzuziehen und sich oben zu halten. „Irgendwann klappt es auf einmal“, ruft Nina ihr zu, und die anderen nicken zustimmend. Nina hat sich vorher nicht einmal in der Disco das Tanzen getraut. Heute, nach vier Wochen Training, hält sie sich nur mit den Oberschenkeln an der Stange, lehnt sich nach hinten und streckt den Körper waagrecht. Superman Reverse heißt diese Figur: Ein umgedreht fliegender Superman. Und auch der tut weh. „Pole-Dance ist eine Randgruppensportart. 70 Prozent springen wieder ab“, sagt Trainerin Vollhardt, „man braucht eine Menge Ehrgeiz. Aber in welcher Sportart braucht man den nicht?“ Bevor sich die Anfänger an die schwierigen Tricks heranwagen, lernen sie Grund-Choreografien, die ihre optische Wirkung ebenfalls nicht verfehlen. Das tänzerische Laufen um die Stange im Cha-Cha- oder Storchenschritt. Ein bisschen Hinternwackeln, Hüftkreisen. Das gehört einfach dazu.

Randsportart mit jede Menge Vorurteilen

„Die Frauen sollen bei mir Mut zur Sinnlichkeit und Spaß am Frausein entwickeln“, sagt Vollhardt. Gerade Frauen ab 40 Jahren, die bei ihr tanzen, hätten den Sport nötig, um wieder zu ihrer Weiblichkeit zurückzufinden. Gleichzeitig kämpft diese Altersgruppe auch am meisten mit den Vorurteilen, die Pole-Dance durch das Erotikmilieu anhaften. „Einige Karrierefrauen möchten nicht, dass ihr Umfeld davon erfährt“, sagt Vollhardt. Sie befürchten Ärger im Job, anzügliche Kommentare der männlichen Arbeitskollegen. Auch die jüngeren Teilnehmerinnen kennen diese Reaktionen, wenn sie von ihrem Hobby erzählen. Auf der Suche nach Räumen für ihre Schule musste sich Vollhardt Sprüche wie „Wir wollen hier keinen Puff!“ anhören. „Wir können doch nichts dafür, dass unsere Sportart so gut aussieht“, sagt die Trainerin grinsend. Das neue Körpergefühl gibt allen Frauen Selbstvertrauen. Sie laufe nicht mehr so gebückt wie früher, sagt Nina. Und auch Sina ist es nicht mehr peinlich, sich sexy zu bewegen: „Wenn hier alle so abgehen, fühlt es sich doof an, wenn man nicht mitmacht!“

Rubriklistenbild: © Karin & Uwe Annas - Fotolia

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Franziska Jäger

Franziska Jäger

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