Aus einem Pilotprojekt für blinde Musiker wurde eine gemischte Band

Sie beherrschen ihre Instrumente blind

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Schlagzeuger Manfred Scharpenberg, Keyboarder Mohamed Metwalli und Jörg Trost am Akkordeon sind blind und rocken mit den Sehenden Florian Hollinghaus an der Gitarre und Bassist Markus Hofmann.

Frankfurt – Der vierjährige Manfred entdeckt beim Spielen einen Abflussreiniger im Badschrank und füllt ihn in eine leere Shampoo-Flasche. Als er das Bad verlässt, hört er ein Zischen – seine Neugier ist geweckt. Als er die Tür wieder öffnet, schießt ihm das explosive Gemisch entgegen. Von diesem Tag an ist er blind. Von Angelika Pöppel

Es war der 6. Januar 1973. Daran erinnere ich mich so genau, weil ich und meine Schwester den Weihnachtsbaum abschmücken durften. Da hingen noch Süßigkeiten dran“, erzählt Manfred Scharpenberg. Doch alles läuft anders. Dem damals Vierjährigen ist langweilig, und er bekommt den gefährlichen Abflussreiniger in die Finger. Nach der Explosion reagiert der Vater blitzschnell, hält seinen Sohn unter die Dusche. Doch im Krankenhaus wird klar, der Vierjährige hat sein Augenlicht verloren. Er hatte keine Chance, die Lauge hat sich direkt in die Augen gefressen. Manfred verweigert tagelang das Essen und will nicht mehr raus gehen.

Heute lebe er sehr gut mit der Blindheit und konnte sich sogar seinen Traum erfüllen: Schlagzeug spielen in der Band Blind Foundation. Seine Bandkollegen Mohamed Metwalli und Jörg Trost sind bereits von Geburt an blind. Und Gitarrist Florian Hollinghaus und Bassist Markus Hofmann sind „Guckies“ – Sehende. Seit sieben Jahren spielen sie zusammen Coversongs und eigene Lieder. Sie treten deutschlandweit bei Tanzveranstaltungen und Ausstellungen auf. Im Repertoire haben sie rund 300 Lieder. Ihr nächster Auftritt ist auf dem Sossenheimer Stadtteilfest am 1. September. Zusammengekommen sind sie durch die Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte. Aus dem Pilotprojekt für blinde Musiker wurde eine gemischte Band.

Es geht ums Hören, nicht ums Sehen

Wir können die Reaktion des Publikums schlechter einschätzen. Da wissen Markus und Flo besser Bescheid, wann es vielleicht Zeit für eine Ballade ist“, sagt Metwalli. Doch auch die Sehenden haben von den Blinden gelernt. „Wir können keinen Augenkontakt halten, um uns Zeichen zu geben, wann das Solo zu Ende ist oder wann der nächste einsteigen soll. Doch mit der Zeit lernt man, nur auf die Musik zu achten“, sagt Hollinghaus. Und Hofmann fügt hinzu: „Bei Musik geht es schließlich ums Hören, nicht ums Sehen.

Ihre Instrumente beherrschen die Musiker blind: „Das Spielen ist antrainiert, ich weiß genau, wo sich die Trommeln und Becken befinden“, sagt Sänger und Schlagzeuger Scharpenberg. Metwalli spielt auf fünf Keyboards abwechselnd. „Die Tasten sind immer an der gleichen Stelle“, scherzt der 32-Jährige, der schon seit über 28 Jahren spielt. Wenn Jörg am Akkordeon auf einem fremden Instrument spielen muss, holt er sich Hilfe von den sehenden Mitgliedern. Doch die Blinden haben auch große Vorteile: Sie brauchen keine Noten, sie hören die Töne raus.

Integration soll nicht im Vordergrund stehen, sondern die Musik“, sagt der Manager. Deshalb hat er viel Wert auf richtig gute Musiker gelegt. Und sie wissen, was sie können: „Wir wollen gelobt werden, weil wir gut sind, nicht weil wir blind sind“, sagt Metwalli. Deshalb sei es das Schönste, wenn die Zuschauer ihr Handicap nicht bemerken.

Wenn Scharpenberg singt und die Augen schließt, ist er nicht blind, sondern Vollblutmusiker. Mit Gefühl und Kraft haut er die Trommeln, wie er es schon als Kind tat: „Ich habe immer am Radio mitgeträllert und irgendwo drauf geschlagen.“

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