"Jazz wird es immer geben"

Interview mit Reimer von Essen von der Barrelhouse Jazzband

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Bandleader Reimer von Essen beim Jazzen.

Frankfurt - Die in Bockenheim gegründete Barrelhouse Jazzband ist die zweitälteste Jazzband auf der Welt und feiert ihr 60-jähriges Bestehen. Bandleader Reimer von Essen (72) erzählt von der Faszination des Jazz´ und der Zukunft seiner Musik. Von Dirk Beutel

Sie haben Musik studiert, in Frankfurt unterrichtet und sind seit 1962 Bandleader der Barrelhouse Jazzband. Was findet man eigentlich in ihrem Plattenschrank zu Hause?

Daheim höre ich ausschließlich den klassischen Jazz der schwarzen Bands aus den zwanziger Jahren.

So ein musikalischer Vater hat seine Kinder sicher sehr beeinflusst.

Mein Sohn Oliver ist Pianist in Singapur geworden. Er hat seine Liebe im modernen Jazz gefunden. Mein Tochter Lil singt klassische Musik und schauspielert.

Sie sind in Hamburg geboren, haben ihre frühe Kindheit aber in Shanghai verbracht. Wie kam’s?

Das liegt daran, dass mein Vater Filialleiter einer deutschen Bank dort war. Eine wichtige Zeit für mich. Sie hat aus mir einen überzeugten Antirassisten gemacht.

Seit 1968 gehört ihnen und der Band die Ehrenbürgerschaft der Stadt New Orleans. Ein Ritterschlag für jeden Jazzer.

Den Tag werde ich nie vergessen. Aber man muss dazu sagen, dass so eine Ehrung dort drüben leichter gehandhabt wird, als hierzulande. Trotzdem, das hat uns damals wirklich verblüfft und stolz gemacht. Niemand hat damals den Jazz der zwanziger Jahre gespielt so wie wir.

Ihre Popularität stieg im Nachkriegsdeutschland. Wie darf man sich diese Zeit als junger Jazzer vorstellen?

Die Jugend hat das abgelehnt, was die Eltern mochten. Jazz war im Dritten Reich verboten. Nach dem Krieg waren Schallplatten sehr schwer zu bekommen. Darunter war natürlich auch Jazz. Aber es gab so gut wie keinen Zugang. Und wenn man von seinem bisschen Taschengeld eine ergattern konnte, hörte man diese Schellack zehn Millionen Mal. Diese Musik wurde tief verinnerlicht, fast religiös gehört. Das ist mit einer CD, auf der 16 Titel drauf sind, kaum möglich.

Konnten Sie mit den Helden des Jazz´ wie Louis Armstrong, Duke Ellington oder Count Basie zusammenspielen?

Mit so Großen nicht, nein. Aber mit deren Bandkollegen haben wir einige Male gemeinsam gespielt. Wie mit Armstrongs letztem Klarinettisten, Jo Muranye oder mit Clark Terry oder Buddy Tate.

Doch die sechziger Jahre gehörten auch den Beatles, und das Interesse an Popmusik wurde immer größer. Ihrer Popularität hat das aber keinen Abbruch getan. Was ist ihr Erfolgsrezept?

Wir haben den schwarzen Jazz der Zwanziger verinnerlicht und den spielen wir kompromisslos – bis heute. Nicht 70 oder 80 Prozent, sondern 100 Prozent gründlich. Wir haben uns mit nichts zufrieden gegeben und spielen lustvoll swingend unseren Stil voller Leidenschaft und Hingabe. Und das brachte uns immer unser Publikum, auch das anspruchsvolle.

Warum wurden Sie erst Mitte der 80er Jahre zu Profis?

Als wir angefangen haben, standen einige am Anfang des Berufslebens oder haben studiert. 50 Mark waren eine super Gage. Wir fuhren zu einem Auftritt und sind noch am selben Abend nach Hause gefahren. So blieben am Ende noch 30 Mark. Wir hatten nie daran gedacht, von der Musik zu leben. Wir hatten alle so viel bürgerlichen Realismus, dass wenigstens unsere Kinder durch sein sollten. Da hatte jeder seinen individuellen Finanzplan.

Nach und nach hat sich die Band-Besetzung verändert. Mittlerweile sind auch zwei jüngere Musiker dabei. Wie sehr hat das ihren Stil beeinflusst?

Nach den 2000ern hat die Biologie ihren Lauf genommen. Die Älteren starben und wir fanden keinen der älteren Generation, der auch gut genug war. Deshalb haben wir uns auf die Suche n.

ach Jüngeren gemacht, die bereit waren, sich uns anzupassen. Aber dennoch hat diese Verjüngungskur etwas verändert. Unser Gitarrist Roman Klöcker, der seit 2000 bei uns ist, hat extra für uns gelernt, Banjo zu spielen. Er spielt Soli, die es so vorher nie gab

Sie haben mehr als 50 Länder auf vier Kontinenten bereist. Welche Auftritte sind ihnen überhaupt noch in Erinnerung?

Das sind weniger die musikalischen Erinnerungen, als die Erlebnisse nebendran. Wie damals, als unser Schlagzeuger bei einem unserer Auftritte in Hong Kong mitten in der Show von der Bühne rannte, weil er furchtbaren Durchfall hatte und wir das irgendwie überbrücken mussten.

Wie ist es heute um den Jazz bestellt?

Es gibt immer weniger Musiker, die den traditionellen Jazz spielen, das ist wahr. Aber es gibt eine Fülle aus dem modernen Jazz, die um immer weniger Auftrittsmöglichkeiten ringen. Es ist schon unglaublich, was sich da tut. Es wird immer Jazz geben und diese Generation gibt mir Hoffnung.

Und ihr Publikum?

Das ist mit uns alt geworden. Ein Großteil ist zwischen 60 und 80 Jahren. Aber seit zwei Jahren tauchen auch mal 40- oder 50-Jährige auf, manchmal sogar ein paar Studenten. Das hören wir auch von Kollegen aus dem Klassischen. Diese Leute haben Geschmack und sind der Popmusik überdrüssig. Sie wollen sich Neuem zuwenden.

Auch das Fernsehen hat sich verändert. Klassische Musiksendungen sind ausgestorben. Stattdessen kommt man an Castingshows nicht mehr vorbei. Schon mal eine gesehen?

Nein, noch nie, aber man bekommt davon in der Zeitung mit. Ich halte generell nicht so viel von der Popmusik. Nach den späten Stücken der Beatles ist nichts mehr nachgekommen, was größere Emotionen in mir weckt oder mich gereizt hätte, mich musikalisch zu verändern. Aber vor dem musikalischen Erfindungsreichtum der Beatles habe ich großen Respekt. Und vor Janis Joplin, die ja eigentlich vom Blues kommt. Das Popgeschäft hat zu viel mit der Optik zu tun. So etwas liegt uns völlig fern. Aus unserem Publikum kommen Menschen zu uns und sagen, dass wir die beste Medizin sind, so eine Herzlichkeit bekommt ein moderner Musiker nie zu hören.

Die Barrelhouse Jazzband ist Deutschlands älteste Jazzband. Sie wurde 1953 in einem Bockenheimer Keller als Amateurband gegründet und hat über 30 CDs, Schallplatten und DVDs veröffentlicht. In unserer Region ist sie wieder am 13. November in Neu-Isenburg in der Hugenottenhalle zu erleben.

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