Kenner Ulrich Mattner im Interview

Experte über den Wandel des Frankfurter Bahnhofsviertels

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Die Kamera für Bilder im Bahnhofsviertel immer im Anschlag: Ulrich Mattner gilt als intimer Kenner des Bahnhofsviertels.

Frankfurt - Das Bahnhofsviertel gilt derzeit als angesagtester Stadtteil Frankfurts. Was finden die Leute an der Mischung aus Rotlicht, Schmuddel und Banken? Ulrich Mattner gilt als der beste Kenner des Viertels. Regelmäßig veranstaltet er Führungen durchs Rotlichtviertel. Von Christian Reinartz 

Alle sprechen im Frankfurter Bahnhofsviertel vom Wandel. Aber wie sieht der genau aus?

Wandel gehört schon immer zum Frankfurter Bahnhofsviertel. Bis zum Zweiten Weltkrieg war der kleinste Stadtteil Quartier des Frankfurter Geldadels. Mit luxuriösen Geschäften, direkt am Main mit seinen Badeanstalten und fußläufig zur City, der Oper und dem riesigen Schumanntheater gegenüber vom Hauptbahnhof ließ es sich dort gut leben. Im Zweiten Weltkrieg wurde ein Drittel der prächtigen Gründerzeitbauten zerbombt. Ein weiteres Drittel fiel Modernisierungsplänen in den 60er Jahren zum Opfer. Nach dem Krieg zog mit den Amerikanern das Rotlichtmilieu in den Stadtteil.

Mit welchen Auswirkungen?

Die Edelprostituierte Rosemarie Nitribitt schwebte im roten Mercedes-Cabrio durch die Kaiserstraße. Seinen Höhepunkt erlebte der Kiez in den 60er Jahren. Im „Imperial“, dem heutigen „Diamond“, gastierten Weltstars wie Josephine Baker und Tom Jones. Es gab große Boxkämpfe und Konzerte bekannter Bands. Kein Frankfurt-Reiseführer ohne ausführlichen Hinweis auf das „Meyers Gustls Oberbayern“ in der Münchener Straße mit Blasmusik und Flirt-Telefonen auf jedem der 50 Tische: So sah Speed-Dating zu Großmutters Zeiten aus. Das Viertel war berüchtigt für Hütchenspieler und Poker in versteckten Hinterzimmern. Zehntausende Mark gingen dort über den Tisch. Regisseur Dieter Wedel setzte dieser Zeit mit dem preisgekrönten Fernsehvierteiler „Der Schattenmann“ mit Mario Adorf in der Hauptrolle ein Denkmal. Dann überschwemmten Drogen und Alkohol den Stadtteil und das Viertel kam völlig herunter. Den Tiefpunkt erreichte es vor etwa zehn Jahren, als nur noch 1.800 Menschen dort wohnten. Früher waren es mal 12.000 Einwohner gewesen.

Wie konnte sich das Viertel wieder berappeln?

Junge Künstler entdeckten das Viertel wegen der billigen Mieten und den städtisch geförderten Atelierräumen. Hausbesitzer bekamen öffentliche Zuschüsse für die Sanierung und Umwandlung ehemaliger Büros in Wohnraum. Und so wendete sich das Blatt. Inzwischen wohnen 3000 Menschen im Quartier. Und der Zuzug hält an.

Was hat sich mit dem Künstler-Zuzug verändert?

Mit den Künstlern kamen trendige Bars, schicke Cafés, coole Restaurants und Clubs. Sie zogen ein neues Klientel an: Werber, Museumsleute, Banker und Hipster. Der Hype erreichte Anfang dieses Jahres seinen vorläufigen Gipfel: Überraschend setzte die New York Times Frankfurt als einzige deutsche Stadt auf ihre jährliche Liste der 50 sehenswertesten Orte der Welt, „die man unbedingt gesehen haben muss“. Die Stadt rangiert dort auf Platz zwölf. Die US-Journalisten begeisterte vor allem „the new Sexiness of the Redlight Disrict“. Das finden inzwischen auch Banker und andere gut Betuchte. Angezogen vom flippigen Image des Künstlerviertels, von der zentralen Lage und dem angesagten Nachtleben mieten sie sich in den Stilaltbauten ein und treiben Mieten und Quadratmeterpreise in schwindelnde Höhen.

Aber wenn überall die Mieten steigen, trägt das doch automatisch zu einem Publikumswechsel bei. Werden in Zukunft also die Wohlhabenden die anderen verdrängt haben?

Momentan sieht es ganz danach aus. Selbst Bordellbesitzer sind sich nicht sicher, ob sie in fünf oder zehn Jahren weiterhin das Rotlichtgeschäft betreiben oder ihre Häuser in hochpreisige Eigentums- und Mietwohnungen umwandeln. Einerseits geht das innerstädtische Rotlichtgeschäft zurück. Maßgeblich sind Sexportale und Pornoseiten im Internet sowie FKK-Clubs am Stadtrand. Anderseits schnellen die Immobilienpreise nach oben. In Frankfurt herrscht Wohnungsmangel. Selbst Drogenelend und Straßenstrich halten diese Entwicklung nicht auf.

Wie sieht das in der Realität aus?

Beispiel sind die neuen Luxusappartments des nagelneuen Wohnblocks „K 58“ an der Ecke Taunbusstraße/ Elbestraße. Oben genießen die Reichen die unverbaute Aussicht in den Taunus, unten bieten sich Drogenkranke und junge Rumäninnen rund um die Uhr zu Tiefstpreisen an. „Luxusresidenzen am Prachtboulevard“ hieß der Werbespruch, mit dem die Wohnungen vermarktet wurden.

Das bunte, internationale Treiben auf der Münchner Straße erinnert an so manche Straße in New York. Ist das eine Entwicklung in die falsche Richtung?

Wegen des Mult-Kulti-Flairs mit indischen, afghanischen, irischen, thailändischen, türkischen, vietnamesischen und pakistanischen Restaurants und Läden gilt die Münchener Straße als einzig wirklich weltstädtische Straße Frankfurts. Diesem Basar und den neuen Szenetreffpunkten wie „Plank“, „Club Michel“, „Maxie Eisen“, Walon & Rosetti“, „Mittagsgold“, „Pracht“ und wie sie alle heißen, verdankt das „neue“ Bahnhofsviertel gewiss den größten Teil seines aktuellen Flairs. Ob der attraktive Mix bleibt, hängt davon ab, ob die Mieten weiter steigen. Ins Auge fällt, dass im Bahnhofsviertel immer mehr Elektronik- und Handyläden aufmachen. Der letzte Lebensmittel-Discounter, der „Ghetto-Netto“ mitten im Rotlicht in der Taunusstraße, hat zugunsten eines Ein-Euro-Shops vor kurzem dicht gemacht. „Orlandos-High-Heel-Palace“, ein origineller Schuhladen mit Kultstatus, hat seinen Laden ebenfalls aufgegeben. Er beschränkt sich jetzt auf den Online-Versand. Andere alteingesessene Geschäfte klagen über Mietsteigerungen, zumal das Internet generell dem Einzelhandel schwer zu schaffen macht.

Das sieht wieder nach Wandel aus.

Schon vor mehr als zehn Jahren verschwanden viele kleine deutsche Händler aus dem Bahnhofsviertel zugunsten von Multi-Kulti-Läden. Jetzt ändert sich der Branchenmix vielleicht erneut. Ob in Richtung Luxus oder in Richtung Elektronik und Wettbüros ist noch nicht abzusehen. Fest steht nur: Nichts ist im Bahnhofsviertel so konstant wie der Wandel.

Ist das Bahnhofsviertel also das Erfolgsrezept für einen Stadtteil der Zukunft?

Angesichts des Imagewandels und des Hypes muss man sich wirklich fragen, ob das Bahnhofsviertel ein Zukunftsmodell ist. Eines ist sicher: Das Quartier ist einzigartig in Europa, vielleicht auf der ganzen Welt. Wo sonst trifft man auf engstem Raum Schicki-Micki-Bars und verruchte Nightclubs, Basare und Fixerstuben, Bordelle und Bankentürme, Moscheen und Künstlerateliers, Luxuswohnungen und Obdachlosenunterkünfte?

Ihr Bahnhofsviertel-Fazit?

Das Bahnhofsviertel ist schön und grausam. Aufregend und abstoßend. Ein schräger, lauter, lebendiger Ort voller Widersprüche und Geheimnisse. „Eine Großstadt braucht den Dschungel“, schrieb Nils Bremer, Chefredakteur des „Journal Frankfurt“, einmal in eines meiner Bücher. Ich denke, das trifft es auf den Punkt.

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