Von Apotheken bis Banken: Für Geschäfte wird’s schwieriger

Trostlose Zukunft für unsere Kleinstädte

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Region Rhein-Main – Unsere Dörfer und Kleinstädte sterben aus. Kneipen, Apotheken und Banken werden geschlossen. Ein Bäcker und Metzger um die Ecke? Fehlanzeige. Die Folge: Es entstehen traurige, leblose Straßen. Von Axel Grysczyk und Oliver Haas

Lesen Sie dazu auch den Kommentar "Digitale Gefahr und Chance"

Die Zahl lässt aufhorchen: Laut einer Studie der Förderbank KfW müssen in den kommenden 20 Jahren deutschlandweit 14.600 Banken und Sparkassen geschlossen werden. Vor allem in ländlichen Gebieten wird das Filialennetz immer dünner. Gründe dafür: Die Digitalisierung der Bankprozesse und natürlich der demografische Wandel. Vor allem auf dem Land geht die Bevölkerungszahl zurück.
Im Kreis Offenbach wohnen beispielsweise derzeit zirka 340.000 Einwohner. Laut einer Studie des Kreises sinkt die Zahl bis 2050 auf 315.000. In Neu-Isenburg etwa leben derzeit 35.332 Menschen. Dort werden die Einwohnerzahlen voraussichtlich bis zum Jahr 2050 auf 30.377 sinken.

Wo kein Arzt, da keine Apotheke

Aber nicht nur Banken verschwinden dadurch. Bereits in seiner Ausgabe vom Oktober 2010 prognostizierte der EXTRA TIPP das große Apothekensterben in kleinen ländlichen Gemeinden. Fünf Jahre später belegt Katja Förster, Pressesprecherin vom Hessischen Apothekerband dies mit aktuellen Zahlen. „In ganz Hessen gibt es derzeit 1530 Apotheken. 2010 waren es noch 1616.“ Im Kreis Offenbach versorgen aktuell 76 Apotheken die Bevölkerung. Dies seien zwar nur vier weniger als vor wenigen Jahren. Doch viel alarmierender: „Von den Apothekeninhabern im Kreis werden voraussichtlich 33 innerhalb der nächsten zehn Jahre das Rentenalter erreichen“, so Förster. Viele würden jetzt bereits nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können und „wurschteln sich durch“. Sie befürchtet, dass die Hälfte davon keinen Nachfolger findet. Natürlich gehe das Apothekensterben auch einher mit der allseits bekannten großen Ärzte-Landflucht. „Wo kein Arzt ist, wird es für eine Apotheke schwer.“

Discounter machen Familienbetrieben zu schaffen

Frisch gebackenes Brot vom Bäcker nebenan? Wurst und Fleisch vom Familienbetrieb im Ortskern? Auch dies könnte bald eine Rarität in vielen Landstrichen werden. Darüber berichtete der EXTRA TIPP ebenfalls bereits vor einigen Wochen. Stefan Körber, Geschäftsführer vom Bäckerinnungsverband Hessen, sieht die Bevölkerung in der Verantwortung: „Wenn nur außerhalb in den Städten auf dem Arbeitsweg eingekauft wird, dann verschwinden die kleinen Bäckereien.“

Sargnägel für viele Bäckereien und auch Metzger auf dem Land seien definitiv große Discounter, die mit ihren Preisen den kleinen Familienbetreiben überlegen seien. „50 Prozent des Brötchenpreis sind reine Lohnkosten. Es ist doch klar, dass da der Discounter günstigere Ware anbieten kann, als der kleine Bäckerladen auf dem Land“, so Körber. Er bemängelt vor allem das Qualitätsbewusstsein vieler Kunden zugunsten billiger Ware.

Schlafstätten brauchen keine Kneipen

Auch die Kneipe um die Ecke in Kleinstädten und Dörfern steckt tief in der Krise. Sebastian Maier, Sprecher des Gaststättenverbandes Dehoga für Hessen, zählt die wichtigsten Gründe auf: „Hoher Investitionsstau, zu wenig Umsatz und kein geeigneter Nachfolger.“ Und er macht auch keinen Hehl daraus, dass „wir in Zukunft eine größere Anzahl von Betrieben verlieren werden“. Maier hat auch eine Erklärung: Früher habe sich der Fußballverein nach dem Training und die Feuerwehr nach der Übung in der Kneipe getroffen, heute gäbe es in Vereinsheimen und Aufenthaltsräumen eine Art Nebengastronomie. „Teilweise sogar beim Bau von den Städten gefördert“, sagt er. Sein Verband investiere in die Beratung, befrage hierzu gerade zahlreiche Gäste und arbeite gerade an neuen Handlungskonzepten. Maier: „Aber wenn Kleinstädte und Dörfer zu reinen Schlafstätten werden, dann braucht man vor Ort auch keine Kneipe mehr. Dann trinken die Leute dort, wo sie auch zur Arbeit gehen und was los ist.“

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