Angst vor der Einschulung: Sprechen will gelernt sein

+
Lernen im Kaufmannsladen: Logopädin Barbara Pflimpfl vermittelt mit Obst- und Gemüsesorten semantische Felder.

Region Rhein-Main – Computer statt Spielplatz, Fernsehen statt Vorlesen: Die veränderten Freizeitgewohnheiten von Kindern wirken immer schädlicher aufs Sprachverhalten. Ärzte müssen immer mehr Therapien verschreiben. Doch Logopäden dürfen oft erst zu spät helfen. Von Andreas Einbock

Liisa Stoll.

Barbara Pflimpfl kennt die Probleme von Klein- und Schulkindern aus ihrer täglichen Arbeit. Die Dieburger Sprachtherapeutin kämpft seit 25 Jahren gegen die Schwierigkeiten ihrer kleinen Patienten. „Richtig auffällig wird das oft erst bei der Vorschuluntersuchung“, sagt die Logopädin. Da sei es dann meist zu spät. Schwer werde ihr das Leben oft von den Ärzten gemacht, die für das Thema nicht sensibilisiert seien.„Ärzte müssen ja erst die Diagnose erstellen. Erst dann dürfen wir eine Heilleistung erbringen“, sagt Pflimpfl und ergänzt:„Oft herrscht bei ihnen die Ansicht, dass sich das noch verwächst.“ Ein anderes Problem sei, dass die Arzt-Budgets erschöpft seien.

Zwar haben die Ärzte in Hessen laut Techniker Krankenkasse im vergangenen Jahr mit 65.500 Rezepten 18 Prozent mehr Sprachtherapien für Kinder und Jugendliche bis 15 Jahren verschrieben, doch für den deutschen Bundesverband für Logopädie (dbl) sei nicht die Masse, sondern der Zeitpunkt für eine logopädische Therapie entscheidend. So sieht auch dbl-Sprecherin Margret Feit Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit mit Ärzten. „Die meisten Kinder kommen erst dann in logopädische Behandlung, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist und sich eine Störung manifestiert hat“, so Feit. Auch bei der frühzeitigen Unterscheidung zwischen Förder- und Therapiebedarf hapere es oft.

Früher einzelne, heute mehrere Störungen

Dabei steigt der Bedarf bei Kindern immer weiter. Während früher nur einzelne Störungen bei einem Kind auftraten, stellt die Logopädin Barbara Pflimpfl heute zunehmend mehrere Fehlfunktionen bei der Sprache fest. Lispeln, Störung der Zungen- und Lippenmuskulatur, falsche Wortstellungen sowie Konzentrations- und Merkfähigkeit seien die häufigsten Probleme, so die Expertin.

Von solchen Sprachfehlern kann auch Liisa Stoll berichten. Die Frankfurter Sprachexpertin stellt bei den Kindern in der multikulturellen Metropole ein weiteres Phänomen fest:„Zu mir kommen oft Kinder, die zweisprachig aufwachsen. Im Prinzip ist das gut. Nur der Umgang der Eltern mit den unterschiedlichen Sprachen ist oft nicht konsequent“, so Stoll. Meist fehle die strikte Trennung zwischen den Sprachen. Stoll: „Eltern sollten keine Mischformen anbieten. Besser wäre anfangs, wenn die Mutter die eine und der Vater die andere Sprache sprechen würden.“ Defizite gäbe es auch bei so genannten semantischen Feldern. Vor allem die Zuordnung von Werkzeugen wie Hammer, Bohrer oder Säge falle Kindern zunehmend schwer.„Eltern sollten ihr Handeln sprachlich mit einfachen Sätzen begleiten und Kinder durch Sehen, Tasten und Fühlen viele Erfahrungen machen lassen. Auch Vorlesen und Rollenspiele erweitern den Wortschatz“, empfiehlt Stoll.

Kommentare