Grundschullehrer Paul Pauly verarbeitet Erlebnis in seinem Buch

Angriff im Klassenzimmer: Lehrer muss in Klinik 

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Paul Pauly sitzt auf seiner Couch mit seinem selbst geschriebenen Buch. Es heißt mein „Mein irres Tagebuch“ und ist im Buchhandel erhältlich.

Frankfurt – Paul Pauly wurde an einer Frankfurter Grundschule von einem Schüler angegriffen. Der Lehrer wehrte sich, wurde angezeigt und kam mit Burn-out in eine Klinik. Über diese Zeit hat er ein Buch geschrieben. Von Silke Gottaut

Der 61-jährige Paul Pauly war 20 Jahre lang Lehrer. Und das mit Leidenschaft. Der Angriff eines Schülers am 11. September 2012 machte ihn kaputt. Nichts war mehr so, wie zuvor. Genau wie der Anschlag auf das World Trade Center – am selben Tag, elf Jahre zuvor. Neun Wochen lang war er in einer Klinik. In der Zeit schrieb er sein Buch „Mein irres Tagebuch“. Ob Pauly immer noch ein Herz für Kinder hat, verrät er im Interview.

Was passierte am 11. September?

Ein Schüler war seinen plötzlich aufbrechenden Gefühlen ausgeliefert. Er kippte seinen, nahe an Lehrerpult und Tafel stehenden Einzeltisch um, während ich an der Tafel schrieb. Der Tisch traf mich an der Wade und knallte laut auf den Boden. Ich erschrak und im Umdrehen stürzte ich über den Tisch und fiel auf den Kleinen. Ich schickte den Jungen heim und führte den Unterricht weiter. Denn an dieser Fechenheimer Schule geht es immer mal heftiger zu. Vor neun Jahren wurde ich beispielsweise von einem 35-jährigen Bruder eines Schülers verprügelt.

Warum genau konnten Sie dann nicht mehr unterrichten?

Drei Tage nach dem Vorfall bekam ich von der Schulleitung die Anzeige der marokkanischen Familie bei der Polizei und dem Schulamt präsentiert. Diese enthielt die unglaublichsten Unterstellungen und Verleumdungen, was mich und mein angebliches Verhalten betraf. Das war der Moment, ich klappte innerlich zusammen, ich konnte nicht mehr.

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Sie kamen in eine Klinik. Was haben Sie in den neun Wochen über sich gelernt?

Ich habe bemerkt ausgepowert zu sein, viel zu sehr an die Grenzen meiner Kräfte gegangen zu sein, mich leicht fremdbestimmen zu lassen, die Gläser immer als halb leer, statt als halbvoll anzusehen und erstmals begriffen, dass ich depressiv bin.

Lehrer zu werden heißt, ein Herz für Kinder zu haben. Haben Sie dieses trotz ihrer Erlebnisse noch?

"Ein Herz für Kinder" klingt nach dem Titel einer Fernsehgala oder nach "Deutschland sucht den Super-Lehrer". Dies ist aber nicht die Voraussetzung für den Lehrerjob. Vielmehr sollte man die Idee einer besseren Gesellschaft und von einem wirklich friedlichen Zusammenleben der Menschen haben und dies als Leitmotiv seinem Handeln voranstellen. Daran hat sich für mich nichts geändert.

Was war für Sie das Schönste am Lehrer-Job?

Im Nachhinein mitzubekommen, dass die Schüler meines ersten vierjährigen Grundschuldurchganges tolle Persönlichkeiten geworden sind und die meisten, mittlerweile 24 Jahre alt, eine intensive und erfolgreiche Ausbildung absolvieren.

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