Angepöbelt und mit Dosen beworfen

So übel werden unsere Bauarbeiter beleidigt

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„Früher gab es das nicht“, sagt Oberpolier Guido Luhn auf der Baustelle Offenbacher Landstraße in Oberrad. Regelmäßig werden er und seine Kollegen von auswärtigen Autofahrern beleidigt. 

Region Rhein-Main – Angepöbelt, bedroht, mit Dosen beworfen: Bauarbeiter werden immer öfter zur Zielscheibe genervter Auto- und Lkw-Fahrer. Nicht nur auf den Autobahnen hat die Respektlosigkeit zugenommen. Auch auf innerstädtischen Baustellen in Rhein-Main bekommen die Arbeiter den Hass zu spüren. Von Kristina Bräutigam

Guido Luhn bahnt sich den Weg vorbei an Baumaschinen und riesigen Schutthaufen. Seit über neun Monaten ist der Oberpolier der Firma „Jean Bratengeier Baugesellschaft“ auf der Großbaustelle Offenbacher Landstraße in Frankfurt-Oberrad im Einsatz. Bei Wind und Wetter, ober- und unterirdisch, von morgens bis spätabends. Respekt bekommen die Arbeiter dafür wenig. Im Gegenteil. „Die Respektlosigkeit wird immer schlimmer“, sagt Guido Luhn, der seit 28 Jahren auf Baustellen sein Geld verdient.

Besonders auswärtige Autofahrer, die von der Teilsperrung einer der Hauptschlagadern zwischen Offenbach und Frankfurt betroffen sind, machen ihrem Ärger Luft, beschimpfen und beleidigen die Arbeiter. „Die kurbeln die Scheibe runter, und dann darf man sich anhören, dass wir doof sind oder zu langsam arbeiten“, sagt Luhn. Doch dabei bleibt es nicht immer. „Vieles, was wir uns anhören müssen, ist unter der Gürtellinie“, sagt der Oberpolier. Es komme auch vor, dass Autofahrer mit dem Anwalt drohen oder den Namen des Chefs wissen wollen, um sich zu beschweren. „Aber über was? Das wir hier im Auftrag der Stadt eine dringend notwendige Baumaßnahme erledigen?“

Auch die Straßenverkehrsbehörde Hessen Mobil beklagt eine zunehmende Respektlosigkeit auf den Straßen. Besonders schlimm geht es auf den Autobahnen zu. „Die Kollegen werden im Baustellenbereich als Faulenzer beschimpft und angeschrien, warum sie die Straße verstopfen“, sagt Willi Donath, Vorsitzender des Gesamtpersonalrats von Hessen Mobil.

Oft bleibt es nicht bei verbalen Attacken: Sogar mit leeren Getränkedosen werden die Arbeiter beworfen, erzählt Donath. Kurz vor Weihnachten sei ein Streckenwart bei der Arbeit auf der Autobahn sogar von einem Böller getroffen worden. Die mutmaßlichen Täter, vier bis fünf junge Männer in einem Pkw, flüchteten, der Streckenwart blieb unverletzt. „Das ist die pure Verrohung“, sagt Donath.

Von dem Hass der Verkehrsteilnehmer bleiben auch die Mitarbeiter der Verwaltung von Hessen Mobil nicht verschont. „Die Zahl der Beleidigungen und Beschimpfungen per E-Mail hat im gleichen Maß zugenommen“, sagt der Vorsitzende des Gesamtpersonalrats. Sätze wie „Das faule Pack gehört rausgeschmissen“ gehören noch zu den harmloseren Inhalten. „Da fallen Beschimpfungen, die ich gar nicht wiederholen will“, sagt Donath.

Fotos: Baustelle in Oberrad dauert länger

Er ist sich sicher: Nicht nur persönlicher Frust, Zeit- und Termindruck sind schuld am rauen Ton, sondern vor allem die TV-Beiträge über Großbaustellen. „Wenn in Berichten über die Schiersteiner Brücke oder den Riederwaldtunnel nur schimpfende Lkw-Fahrer zu Wort kommen, rückt das unsere Arbeit in kein gutes Licht. Wir sind die Bösen, die Verkehrsteilnehmer die Opfer“, sagt Donath. Richtig gefährlich werde es, wenn genervte Auto- und Lkw-Fahrer rücksichtslos durch Baustellenbereiche brettern und so das Leben der Arbeiter aufs Spiel setzen. „Diese Leute würde ich gern mal zehn Minuten an den Seitenstreifen stellen. Vielleicht begreifen sie dann, was für einen harten Job die Arbeiter machen. Sie verdienen unserer Wertschätzung.“

Die meisten erfahrenen Kollegen hätten glücklicherweise ein dickes Fell, sagt Donath. Auch Guido Luhn versucht, die Beschimpfungen nicht zu nah an sich ranzulassen. „Wir sprechen abends zusammen drüber. Das hilft gegen den Frust.“ Seinen Job mache er bis heute gerne. Es gebe schließlich auch schöne Momente; etwa, wenn die Oberräder Gewerbetreibenden den Arbeitern ein Frühstück anbieten. „Wenn man mit den Leuten erst mal ins Gespräch kommt und sie über die Baumaßnahme aufklärt, verschwindet der Ärger oft von selbst.“

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