Anfänge des ZDF: Fernsehen zwischen Baracken und Schafen

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Museumsleiter Gerhard Raiss zeigt einen Beitrag über das ZDF im Main-Taunus-Jahrbuch. 

Eschborn – In Campingwagen haben sich die Ansagerinnen geschminkt, Filme wurden von Flugzeugen über dem Gelände abgeworfen: Ein holpriger Start für das ZDF in den 60er Jahren. An das erste Sendezentrum des ZDF in Eschborn erinnert Stadtarchivar Gerhard Raiss im Main-Taunus-Jahrbuch. Von Julia Renner

Rudolf Radke, früherer Moderator des ZDF.

Wenn Intendant Karl Holzamer ins Eschborner Sendezentrum kam, hatte er stets Gummistiefel dabei. Denn bis zu den Studios konnte er meist nicht direkt mit dem Auto fahren. Zu unwegbar waren die letzten Meter. Kurzerhand stiefelte der Intendant mit Gummi an den Füßen ins Studio.

Ein schiefes Schild wies auf das Studiogelände hin.

Dass sich das ZDF überhaupt in Eschborn niederließ, war eher Zufall. „Der Baustoffhändler Karl Nagel hörte, dass das Fernsehen ein Grundstück suchte“, sagt Eschborns Stadtarchivar Gerhard Raiss. Und Nagel hatte ein passendes Areal zu bieten. Etwa 17.000 Quadratmeter groß, früher als Ziegelei genutzt. Einige Baracken standen sogar noch herum. Die technische Ausrüstung übernahm das ZDF von der „Freies Fernsehen GmbH“, die sich 1961 auflöste. Erste Probesendungen gab es dann ab 15. Januar 1963, der Sendebetrieb wurde schließlich am 1. April 1963 aufgenommen. Nachrichten, Wetter und Unterhaltungssendungen standen auf dem Programm. Zumindest bis 21.54 Uhr, dann war Sendeschluss. Gesendet wurde von Eschborn auch „Das aktuelle Sportstudio“.

Ganz unproblematisch ging die Arbeit allerdings nicht vonstatten. Zunächst musste ein Mitarbeiter gelieferte Filme vom Flughafen zu den Studios bringen, später ließen Flugzeuge im Tiefflug Filme auf die Wiesen nahe der Baracken fallen, erinnert sich der Moderator Rudolf Radke. Der 85-Jährige war Leiter der Hauptabteilung Tagesgeschehen in Eschborn und erinnert sich gut an die Anfangszeit des ZDF. „In Eschborn ist auch der Name der Nachrichtensendung ‚heute‘ entstanden“, verrät Radke, der in Königstein lebt. In einer Kneipe in Eschborn habe er zusammen mit seinen Kollegen überlegt, wie die Nachrichtensendung heißen sollte. ‚Heute‘ war ein Vorschlag – der aber nicht bei allen gut ankam. Mangels Alternativen haben sich die Kollegen dann doch auf diesen Titel geeinigt, der bis heute unverändert geblieben ist.

Lange dauerte das Gastspiel des ZDF in Eschborn nicht. Schon nach gut einem Jahr stand der Umzug nach Mainz an. Denn laut Staatsvertrag durfte der Sender nicht auf hessischem Gebiet angesiedelt sein.

In Eschborn erinnert heute nichts mehr an die kurze ZDF-Zeit in den 60er Jahren. Auf dem Gelände an der Berliner Straße stehen heute neben einer Tankstelle einige Wohnhäuser. Das Main-Taunus-Jahrbuch ist in allen Rathäusern der Gemeinden im Main-Taunus-Kreis erhältlich.

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