Heusenstamm: Die Frau, die die Jugend formt

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Andrea Filsinger im Jugendzentrum der Stadt Heusenstamm: Mit Tischtennisschläger, Plastikball und mit einem Lachen im Gesicht.

Heusenstamm – Andrea Filsinger mag Krawall. Unangepasst sein, das reizt sie. Vielleicht hat sie deswegen so gerne ihr Ohr an den Jugendlichen. Auf alle Fälle hat sie damit das Rüstzeug für ihren Job: Leiterin der städtischen Jugendförderung in Heusenstamm. Von Axel Grysczyk

Für alle städtischen Kinder- und Jugendeinrichtungen hat sie die pädagogische Leitung. Ihr Rezept: „Ohne erhobenen Zeigefinger nah an den Lebenswelten der Jugendlichen sein.“ Um nah dran zu sein, ist sie präsent: Auf der Skateranlage, bei diversen Jugend-Veranstaltungen und natürlich im Jugendzentrum. So eine „Orgatante“ will sie nicht sein, vielmehr das Gespräch suchen. Wichtig ist ihr, dass sie die Jugend nicht mit Gewohnheiten und Sprache imitiert.

Filsinger: „Klar, übernehme ich mal im Juz das eine oder andere Wort, aber generell rede ich nicht im Jugendslang. Jugendliche wollen sich abgrenzen und das tun sie auch mit Sprache. Da ist fast gemein, wenn man ihnen die klaut.“ Für sie ist wichtiger, dass sie Autorität genießt. Die bekäme man nicht durchs Amt. Konsequent bleiben, einschreiten und durchsetzen, das seien eher Erfolgsmechanismen. Interesse zeigen für Jugendliche bringe zudem Anerkennung. „Wer für Jugendliche Interesse zeigt, der wird selbst interessant“, erklärt die 36-Jährige.

Jugendliche wollen immer auffallen

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Dass die Jugendlichen schlimmer werden, kann sie nicht bestätigen. Die Themen seien wahrscheinlich seit Jahrzehnten die gleichen: Freunde haben, Cool sein, Stress mit den Eltern sowie Alkohol, Rauchen und Kiffen. Und über allem stehe das Interesse fürs andere Geschlecht. Es seien eher Nuancen, die sich ändern. Wer da mal knutscht findet sich schnell im Internet wieder, weil vermeintliche Freunde die ersten intimen Annährungen heimlich filmen und online stellen. Generelle Zweifel über die Jugend kommen ihr deswegen nicht. Die Diplom-Sozialpädagogin: „Jugend will auffallen, das ist schon immer so.“

Filsinger sieht andere Probleme. Die räumliche Abnabelung von Zuhause ist schwieriger. Praktikums-Voraussetzungen und schlechte Einstiegsvergütungen bremsen ein selbstständiges Leben. Das gelte auch für viele Heusenstammer Jugendliche. Obwohl: Die Schlossstadt-Jugend lebt in der heilen Welt. „Heusenstamm hat seinen dörflichen Charakter erhalten, das hat Vorteile“, sagt sie.

Vier Jahre lernte Filsinger Clown

Filsinger macht ihren Job mit Herzblut. Nur verharren mag die Pfarrers-Tochter nicht. Daher ist sie schon so oft umgezogen und hat berufsbegleitend eine vierjährige Ausbildung zum Clown gemacht. Als Fräulein Frieda tritt sie bei städtischen und privaten Veranstaltungen auf. Sich mal anders kennenlernen wollte sie sich und vielleicht dadurch ein bisschen ruhiger werden. Von sich selbst sagt sie, dass sie nie fertig sei, das sei so ein Wesenszug. Einen, den sie mit so vielen Jugendlichen teilt.

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