Interview mit Kriminalpsychologin Lydia Benecke

Amok: Warum Querulanten gefährlich sein können

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Lydia Benecke gilt als führende Kriminalpsychologin. 

Region Rhein-Main - Querulanten machen so mancher Behörde das Leben schwer, auch privat sind die rechthaberischen Zeitgenossen anstrengend. Warum hinter dem Phänomen eine Krankheit steckt und diese Menschen nicht immer ungefährlich sind, erklärt Kriminalpsychologin Lydia Benecke. Von Christian Reinartz

Egal bei welcher Behörde man nachfragt: Die Berichte über Querulanten häufen sich. Gibt es wirklich mehr als früher?

Wahrscheinlich gibt es nicht wirklich viel mehr Querulanten als früher, sondern sie haben heutzutage einfach mehr Möglichkeiten, durch zahlreiche und ab einem gewissen Punkt nicht nachvollziehbare Beschwerden negativ aufzufallen. Heute haben es solche Menschen leichter als früher, Adressen möglichst vieler Stellen, bei denen sie ihre Beschwerde kundtun möchten, zu finden. War dies früher mit größerem Rechercheaufwand verbunden und mussten Briefe oft handschriftlich oder mit der Schreibmaschine verfasst werden, so reichen heute wenige Klicks im Internet und die Copy-Paste-Funktion aus, um sehr viele Institutionen gleichzeitig zu erreichen.

Das heißt: Früher war es den Querulanten einfach zu anstrengend, sich zu beschweren?

In noch früheren Zeiten hatten Querulanten oft genug schlicht nicht die finanziellen Mittel und die Zeit, um sich mit solchen Anliegen in diesem Umfang zu beschäftigen. Durch die heutige Grundversorgung – die zweifellos eine gute und notwendige Sache ist – haben viel mehr solch psychisch auffälliger Menschen erst die Zeit und die Mittel, um viele aufwendige Beschwerden zu formulieren.

Was treibt diese Menschen an?

Menschen, die wirklich dauerhaft und nicht mehr logisch nachvollziehbar durch querulatorisches Verhalten auffallen, leiden an psychischen Störungen. Es gibt unterschiedliche Störungen, die ein solches Verhalten auslösen können. Die beiden relevantesten in solchen Fällen sind die Paranoide Persönlichkeitsstörung und der Querulantenwahn.

Das hört sich gefährlich an.

Menschen mit Paranoider Persönlichkeitsstörung haben Probleme damit, die Perspektive anderer Menschen einzunehmen. Sie nehmen andere oft als feindselig wahr und misstrauen ihnen. Ungünstig ist, dass sie sich schneller und häufiger als andere gekränkt fühlen und auch viel länger und heftiger nachtragend sind. Dadurch haben sie häufiger den Eindruck, ihnen würde Unrecht widerfahren und sie müssten sich unerbittlich und vehement dagegen wehren. In ihrem persönlichen „Kreuzzug für die Gerechtigkeit“ geht es dann bald nicht mehr wirklich um den Anlass, durch den sie sich gekränkt fühlten, sondern sie wollen fanatisch all jene bestraft sehen, denen sie ankreiden, ungerecht zu ihnen gewesen zu sein. Dabei werden sie zunehmend aggressiv, verbal und manchmal auch körperlich verletzend.

Und der Querulantenwahn?

Der Querulantenwahn ist eine noch tiefgreifendere psychische Störung. Dabei ist die Realitätswahrnehmung noch heftiger beeinträchtigt. Der Betroffene glaubt an umfangreiche Verschwörungen, sodass er prinzipiell niemandem wirklich trauen kann. Seine persönlichen Verschwörungstheorien fühlen sich für ihn so wirklich an, dass ihn absolut nichts daran zweifeln lässt. Er ist davon überzeugt, dass alles was er tut, berechtigt und sogar notwendig ist, egal wie seine Handlungen auf andere Menschen wirken. Ein Mensch im Querulantenwahn fordert oft unangemessen hohe Strafen für jene, die er als Verschwörer wahrnimmt. Im Extremfall kann er davon überzeugt sein, der einzige Mensch zu sein, der noch etwas gegen „die Verschwörer“ tun und die Gesellschaft, sein Land oder sogar die Welt retten kann. Solche seltenen Extremfälle können in schweren Gewalttaten, Anschlägen und Amokläufen – wie im Fall von Anders Behring Breivik – münden.

Gibt es einen Auslöser um Querulant zu werden?

Zwar können Querulanten meist benennen, durch welche Umstände in ihrem Leben sie sich zu ihren querulatorischen Handlungen im Recht und sogar in der Pflicht sehen. Doch diese Anlässe stehen in keinem vernünftigen Verhältnis zu ihren Einschätzungen und Handlungen. Die wirklichen Ursachen für ständiges, querulatorisches Verhalten sind psychische Störungen, welche die Selbst-, Fremd- und Realitätswahrnehmung der Betroffenen verzerren.

Geht von Querulanten immer eine Gefahr aus?

Die meisten von ihnen belassen es bei für Mitmenschen und Behörden zwar nervigen aber ungefährlichen Massen an schriftlichen Beschwerden. Eine kleinere Anzahl von ihnen beschädigt oder zerstört fremdes Eigentum, in noch selteneren Fällen verletzen Querulanten andere Menschen auch körperlich. In den seltensten Fällen werden Querulanten für andere Menschen lebensgefährlich.

In der Schweiz werden Querulanten erfasst, um Gefahren frühzeitig zu erkennen. Wäre das auch ein sinnvolles System für Deutschland?

Einerseits kann eine vernünftige, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Risikoanalyse in vielen gesellschaftlichen Bereichen grundsätzlich eine gute Idee sein. Doch bei der Frage, ob und in welchem Rahmen eine Umsetzung sinnvoll ist, sollte eine Abwägung der Verhätnismäßigkeit zwischen Aufwand und Risiken einerseits und des Nutzens andererseits erfolgen.

Fälle, in denen Querulanten für andere Menschen wirklich körperlich  und vor allem lebensgefährlich werden sind insgesamt so selten, dass die Einführung solcher Maßnahmen meiner Meinung nach nicht unbedingt notwendig ist.

Wie sollte man mit Querulanten umgehen?

Lydia Benecke gilt als führende Kriminalpsychologin. Ihr Wissen teilt die Kölnerin bei Vorträgen einem breiten Publikum mit. Ihre Spezialität: Sie erklärt komplizierte Fach-Themen so spannend und verständlich, dass auch Laien sie verstehen. In ihrem aktuellen Buch „Auf dünnem Eis: Die Psychologie des Bösen“ geht Benecke der Frage nach, warum Menschen sich entscheiden, Böses zu tun.Nicht jeder Mensch, der sich beschwert oder anderen mit seiner Art auf die Nerven geht, ist ein krankhafter Querulant. Doch bei wirklich auffälligen Querulanten sollte die Devise lauten: Möglichst wenig Aufmerksamkeit schenken und die Aktionen nicht zu persönlich nehmen. Mit echten Querulanten zu argumentieren, zu streiten oder auf sie aggressiv zu reagieren verschärft ihre Reaktionen nur und wird die Lage niemals beruhigen.

Fühlt man sich von einem Querulanten wirklich bedroht und hat dafür auch sachliche Belege, wie Drohbriefe oder Ähnliches, so sollte man juristische Hilfe beim Anwalt suchen.

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